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HAUSEN ALIENS HINTER DEM GURTEN? - Politbern schlenkert, die Stadt brennt. Doch jetzt gibt es frohe Aussichten: Berner Astronomen haben erdähnliche Planeten entdeckt.

Bundesbern muss für die USR-III-Abstimmungsschlappe den Gring hinhalten, bekamen doch "die da oben" am 12. Februar einen heftigen Chlapf a d'Ohre. Die Classe politique wurde regelrecht deklassiert.
   Bern gilt als behäbiges Provinznest und biederes Beamtenbiotop. Auch der Bauernstand ist weitherum wahrnehmbar, wird doch am westlichen Stadtrand noch bschüttet*. Lenin entfloh 1916 diesem "kleinbürgerlichen Käfig" (NZZ, 22.02.), ebenso verliess Einstein die engen Gassen (1922), ihm folgten Dürrenmatt (1946) und Nizon (1977). Andere kritische Geister wie Kurt Marti (kürzlich 96-jährig verstorben) und Mani Matter (1936-1972) blieben und rieben sich an den Autoritäten.
   Bern hat über Jahrzehnte ein beachtliches Protestpotenzial entwickelt. Die Reitschule ist für viele rechtschaffene Bürger ein Ärgernis. Derzeit machen die Chaoten wieder Furore und kämpfen letztlich auf verlorenem Posten gegen die Tschugger, wie sie die Polizei nennen. Niemand fragt nach den tiefen Gründen dieser Krawalle, doch das geforderte Strafmass für die bösen Aktivisten verdoppelt sich täglich. In der Bundesstadt finden auch die grossen Politdemos statt, heikle Versammlungen wie diejenige der Tibeter gegen den chinesisches Staatschef werden hingegen nicht in der Nähe des Bundeshauses geduldet.

Stiller Has hoppelt zahmer
Bern
beherbergt etliche Protestsänger und Auflehnungs-Poetinnen. Stiller Has und Züri West gehören zum kulturellen Inventar. Der Has hoppelt in seiner neuen CD ("Endosaurusrex") zwar nicht mehr so aufmüpfig durch die Schrebergärten. Aber dafür beflügelt die jüngere Spokenword-Generation mit Stefanie Grob ("Ir fautsche Stadt") sowie vielen andern originellen Köpfen die rebellischen Fantasien. Und leistet Widerstand, gewaltlos im Gring.
   Bundesbern schafft nämlich unerbittlich aus. Zum Beispiel letzthin eine als Flüchtling abgewiesene Tibeterin nach Nepal, wo sie (wie voraussehbar) verhaftet wurde und unweigerlich an China ausgeliefert wird. Dort erwarten die 27-jährige Frau qualvolle Jahre in Gefängnissen und Umerziehungslagern (TA, 23.02.). Der Bund erlaubt auch den Export von Rüstungsmaterial nach Saudi-Arabien, wo die Menschenrechte (wie in Tibet) buchstäblich mit Füssen getreten werden.
   Bundesbern mangelt es an Visionen, die Energiewende hat die Kurve nicht geschafft, die Politzukunft dreht sich um Milliardenlöcher in der Altersvorsorge und Grenzzäune für Flüchtlinge. Die intellektuelle Wüste lebt. All die Blochers, Amstutz‘ und Glarners animieren unweigerlich zum Auswandern. Gringweh machen aber auch die antiquierten Kampfparolen der Linken. Rundum Eigennutz und Bauchnabelperspektive. Dazu Stiller Has: "I  wott ändlech furt vo hie (...), furt vo däm land hinger de bärge, wo cowboys zu gartezwärge wärde."

40 Lichtjahre ennet dem Frienisberg
Bern hat jedoch eine weltoffene Universität. Bekannt ist die kleine, aber feine Hochschule für ihre Klimaforschung, genauso wie für Raumfahrt und Astronomie. Berner Forschende haben jetzt (in einem internationalen Team) sieben erdähnliche Planeten entdeckt, wie das renommierte Wissenschaftsmagazin "Nature" berichtet (22.02.). Eine Sensation auf sämtlichen Kanälen! Die Planeten kreisen um den Zwergstern Trappist-1 und sollen die bisher vielversprechendste Fährte zu ausserirdischem Leben sein (diverse Medien, 23.02.). Es könnte dort flüssiges Wasser geben und damit die Voraussetzungen für biologische Daseinsformen. Das stimuliert die Fantasie: Endlich kommt Hoffnung auf, dass es hinter dem Gurten* doch noch Leute gibt.
   Bern schafft damit Perspektiven, die Welt endet nicht ennet dem Frienisberg*. Treffen wir demnächst Mitmenschen aus anderen Sonnensystemen, die politisch und kulturell sogar weiter entwickelt sind als wir? In Sicht käme dabei eine bessere Zukunft, fern von irdischen Zumutungen wie Trump, Le Pen, al-Assad, Erdogan und Kim Jong-un. Bern, die Stadt mit den lauschigen Lauben, könnte den Globus ermuntern, den wissenschaftlichen Weitblick auf Politik und Wirtschaft zu übertragen. Beispielsweise mit fairen Wirtschaftsbeziehungen, bedingungslosem Grundeinkommen (finanziert durch Robotersteuer) und fossilfreier Energieversorgung.
   Bern lässt die Erde träumen, doch die Distanz von 40 Lichtjahren zu Trappist-1 ist kein Pappenstiel. Die Reise zu den erdachten Paradiesen auf den jüngst entdeckten Planeten würde endlos dauern – mit den schnellsten heutigen Raumschiffen (New-Horizons-Sonde der Nasa) mindestens eine halbe Million Jahre. Die Berner Lebensweisheit "Nume nid gschprängt, aber gäng echly hü!"* bekommt dabei eine ziemlich weltfremde und auch duldsame Note. Der Mensch gebietet zwar über die Erde, im Universum ist er jedoch bedeutungslos. Das tut vielen hienieden halt schampar weh.

*Berndeutsches Glossar: bschütten (jauchen), Gurten (Berner Hausberg), Frienisberg (Naherholungsgebiet im Norden Berns), Nume nid gschprängt, aber gäng echly hü! (Nicht hastig, doch stets ein bisschen vorwärts!), schampar (sehr, besonders, extrem)

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WISSENSCHAFT IM JANUARLOCH - Sauna gegen Alzheimer, eine Nasa fürs Volk und "summa cum laude" himmelwärts. Die Wissenschaft startet schräg ins neue Jahr.

Bitterschöne neue Landwirtschaft! - Die sonst eher nüchterne Forschungsanstalt Agroscope schwärmt in einer Medienmitteilung geradezu glühend fürs künftige "Smart Farming" (19.01.). Unbemannte Traktoren sollen dabei zentimetergenau die Felder bestellen, raffinierte Roboter die Rüben optimal mit Pestiziden besprühen und eine Heerschar von Sensoren permanent Wetter und Pflanzenwachstum erfassen. Schöne neue Landwirtschaft! Jetzt haben die Bauern endlich viel Zeit, um sich auf dem Golfplatz zu vergnügen. Was aber Agroscope als Science Fiction verkündet, ist in Afrika schon rassige Realität. "Land Grabbing" heisst dort das Zauberwort: Investoren aus China, Indien und der Arabischen Halbinsel produzieren mit modernsten Agromethoden auf gepachtetem oder gekauftem Land Lebensmittel für den Heimmarkt und beuten so den Schwarzen Kontinent rücksichtslos aus. Bittere neue Landwirtschaft!

Draht zur Menschheit abgebrochen. - Der Berner Oberländer Thomas Zurbuchen ist seit Oktober 2016 oberster Forschungschef der US-Weltraumbehörde Nasa und verfügt über ein Jahresbudget von 5,9 Milliarden Dollar (viermal mehr als die ETH Zürich). Im Interview mit der SonntagsZeitung (15.01.) erklärt der studierte Physiker (Uni Bern) und Sohn eines Evangelisten, dass die Wissenschaft heute zu elitär geworden sei und der Draht zu den Menschen nicht mehr funktioniere. Bei der Auswahl der Nasa-Missionen auf ferne, menschenleere Gestirne und Planeten nennt Zurbuchen keck denn auch das entscheidende humanitäre Kriterium: "Wo ist der Nobelpreis und wo die wichtigste Wissenschaft?" Natürlich werde nicht jede Mission eine namhafte Auszeichnung ge­winnen. "Aber die Fragen, die wir beantworten wollen, müssen so wichtig sein, dass sie bedeutende Preise bekommen könnten." Alles sternenklar!

Simple Frage ohne Antwort. - Seit ihrer Gründung 1855 pflegt die renommierte ETH Zürich stets die gleiche Konfliktbewältigungsstrategie, wenn sie mit unbequemen Fragen konftrontiert wird: das Totschweigen. Artikel der "New York Times" (04.01.) und des "Tages-Anzeiger" (16.01.) stellten kürzlich die Forschungsfreiheit bei bezahlten Studien infrage und machten dies am Beispiel von Syngenta (Bienensterben) und Agroscope deutlich. Syngenta finanziert der ETH Zürich eine Professur für nachhaltige Agrarökosysteme im Umfang von 10 Millionen Franken. Die Forschungs- und Publikationsfreiheit sei im Donationsvertrag garantiert, erklärte reflexartig die ETH. Zu den Gefahren einer externen Beeinflussung wollte sie sich aber nicht äussern. Vermutlich verschlägt es der komplex denkenden Hochschule bei solch einfachen Fragen schlichtweg die Sprache.

Weniger Demenz dank Saunabesuch. - Medizinische Studien gibt es wie Pillen in der Apotheke, mit teilweise banalen und auch widersprüchlichen Ergebnissen. Einen Befund solcher Art liefert ein Forscherteam der Universität von Ostfinnland (Blick online, 14.01.). Demnach soll ein vier- bis siebenmaliger Saunabesuch pro Woche das Demenzrisiko von Männern um 66 Prozent senken. Physikalisch ist das Resultat eigentlich unerklärlich, denn bei derart häufigen, trockenen Hitzeschocks müsste die feuchte Hirnmasse effektiv markant schwinden, die Vergesslichkeit also zunehmen. Allerdings gibt es dafür noch keine Studie.

Mit höchstem Lob in den Himmel. - Vermutlich kommt man als Dr. oec. publ. "summa cum laude" garantiert in den akademischen Himmel. Jedenfalls wurde John Rudolph Stephen Zuellig auf der Todesanzeige (NZZ, 11.01.) mit diesem flotten Titel nach fast 100 Jahren irdischen Daseins verabschiedet. Der Doyen einer diskreten Rapperswiler Unternehmerdynastie, die in Ostasien einen Pharmakonzern mit Milliardenumsatz aufgebaut hat, soll auf dem Familiensitz Schloss Meienberg über dem Zürichsee beigesetzt worden sein. In aller Stille, wie es hiess, aber bestimmt mit höchstem Lob.

Freiwilliger an Hochschulspitze. - Die Schweiz ist ein Land der Freiwilligen, die Zahl der unbezahlten Helfer nimmt weiter zu, vor allem bei der Flüchtlingsbetreuung. Aber auch auf den obersten Stufen der Wissenschaft, erklärte doch der neue Präsident der EPF Lausanne, Martin Vetterli, im TA-Interview ("Wir brauchen die Besten", 03.01.): "Ich bin in einer Phase meiner Karriere, in der ich den Job nicht machen müsste." Er werde nächstes Jahr 60 und Forschung sei seine Leidenschaft. Nun fragt sich der Steuerzahler, ob dieser hochdotierte akademische Freiwillige auch auf den Lohn verzichtet oder sich nur kapriziös von seinem nicht gerade bescheidenen Vorgänger Patrick Aebischer abheben will.

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UNSTERBLICHES STREBERTUM - Seit jeher strebt der Mensch nach Ewigkeit. Spitzenmedizin und aufblühende Religiosität lassen diesen frommen Wunsch jetzt wieder auferstehen. Eine besinnliche Neujahrsgeschichte.

"Ihr verfluchten Racker*, wollt ihr denn ewig leben?", soll Friedrich der Grosse seine Soldaten angebrüllt haben, als diese 1757 nach verlorener Schlacht gegen Österreich bei Kolin das Weite suchten. Der zornige Preussenkönig brachte damals im Siebenjährigen Krieg mit seinem bekannten Zitat die Unsterblichkeit ins Gespräch, was heutzutage wieder hochaktuell ist - aus zwei völlig verschiedenen Warten.

Zum einen in der Medizin, wie kürzlich eine hochkarätige Veranstaltung an der EPF Lausanne offenbarte. Spitzenleute aus Politik, Bundesverwaltung, Medien und vor allem Wissenschaft zelebrierten im Rahmen des "Salon Planète Santé" die Fortschritte in der Krebsforschung. Der Anlass (24.11.) bot ein eindrückliches Plädoyer für die Immuntherapie. Meist effektiver als die herkömmlichen Behandlungstypen wie Chirurgie, Chemotherapie und Bestrahlung, ist die Immuntherapie zur Hoffnungsträgerin der Krebsbekämpfung geworden. Speziell die personalisierte Methode gilt heute als Schlüssel zur endgültigen Heilung der tödlichen Tumoren. Anhand genetischer Daten können dabei massgeschneiderte Wirkstoffe produziert werden, die das körpereigene Abwehrsystem ankurbeln und die Krebszellen nachhaltig zerstören.

Bereits sind bei Lungenkrebs eindrückliche Erfolge erreicht worden, noch sprechen aber zu wenig Patienten darauf an. Die Forschung muss also weiter voraneilen, um das ersehnte Wundermittel gegen die gewichtigste Zivilisationskrankheit bald zu finden. Grosse Erwartungen seitens öffentlicher und privater Geldgeber lasten auf Koryphäen wie Professor George Coukos, rastlos tätig an der Universität Lausanne, dem Waadtländer Unispital (CHUV) und am Ludwig Institut für Krebsforschung. Über all diesen extrem kostspieligen Plänen blitzt immer wieder der unsterbliche Mensch auf. Neuerdings lassen sich Erkrankte nach ihrem Tod sogar einfrieren, um später (wenn eine Therapie wirkt) wieder zum Leben erweckt zu werden (TA, 29.11.).

Saftige Ohrfeige für die Wissenschaft
Während die Medizin zwar viel verspricht, aber auch mit Erfolgen glänzt, muss die Wissenschaft andernorts eine saftige Ohrfeige einstecken. Darwins Evolutionstheorie sei der grösste Irrtum, verkündet die rasant wachsende Gefolgschaft der Kreationisten in den USA. So vertritt Mike Pence, designierter Vizepräsident und bibeltreuer Evangeliker, ein Weltverständnis des finstern Mittelalters. Er bekämpft Abtreibung, Frauenkliniken, Homosexualität und vergibt derzeit Hunderte von Regierungsjobs (Spiegel online, 09.12.). Gemäss den Kreationisten ist das Universum und mit ihm der Mensch vom Allmächtigen erschaffen worden sein, in einem "besonderen Akt göttlicher Schöpfung". Hier gilt ebenso der Glaube ans Unsterbliche, freilich nicht auf Erden, jedoch in Himmel oder Hölle.

Offizielle Schulbücher sollen solche Legenden künftig weiterverbreiten, angesagt ist "lebensfrohes Lernen"! Als Kandidat für einen hohen Posten im US-Erziehungsministerium kursiert der Name von Jerry Falwell Jr. (Independent, 21.11.), Sohn eines bekannt-berüchtigten Baptistenpredigers und Präsident der christlichen Liberty-Privatuniversität (mit "kreationistischer Biologie" als Pflichtfach). Falwell Jr. gilt als Hardliner-Kreationist, mein Gott!

Verlust von Verstand und Aufklärung
Noch ist Europa von solch rückwärtsgewandten Religionsströmungen weniger betroffen, doch auch bei uns erhalten erzkonservative Bewegungen starken Aufwind. Man schaue nach Frankreich, wo François Fillon, erklärter Abtreibungsgegner und frommer Eiferer, unverhofft als chancenreicher Anwärter für das Amt des Staatspräsidenten auferstanden ist.

Das Streben nach Unsterblichkeit kostet uns in der Medizin ein Heidengeld (wir wollen letztlich alle davon profitieren!), in der Religion jedoch den Verstand, das bedeutet den Verlust der Aufklärung. Wissenschaft kämpft heute erneut gegen fundamentalistische Glaubenslehren, vernunftbetontes gegen sogenannt gottgegebenes Leben. Willkommen zurück in der geistigen Frühzeit! Wer will da eigentlich ewig leben?
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*Racker: mittelniederdeutsche Bezeichnung für den Beruf des Abdeckers (oder Schinders), der Tierkadaver beseitigt und verwertet.

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WISSENSCHAFT FÜR DUMMIES - Bob Dylan sagt dreist ab, Junkfood macht nachweislich dumm, Donald Trump heizt klimatisch auf und Erdbeben sind immer noch nicht voraussagbar. Was ist bloss mit der Forschung los?

Auch noble Zeiten ändern sich. - Vermessen, aber cool: Bob Dylan lässt definitiv die Preisverleihung in Stockholm aufgrund "anderer Verpflichtungen" aus. Oder müsste er sonst Joan Baez mitnehmen, seine wichtigste Förderin? Nobelpreise sind jedenfalls nicht mehr so begehrt wie einst, zumindest bei der Literatur. Auch fürs Geniekult-Geschäft gilt jetzt der berühmte Refrain (1964): "The times they are a changin'." Allerdings erwarten andere Nobel-Anwärter jeweils sehnsüchtig den Anruf aus Schwedens Hauptstadt und wären bestimmt an der Feier im Dezember dabei, zum Beispiel Wissenschaftler aus der Schweiz. Aber auch dieses Jahr blieb ihnen bei den noblen Preisen bloss das Nachsehen. Für unsere stolze Innovationsnation liegt die letzte dieser höchsten akademischen und kulturellen Auszeichnungen bereits 14 Jahre zurück, fürs Selbstbewusstsein eine unendlich lange Durststrecke! 2002 erhielt der ETH-Biophysiker Kurt Wüthrich die Chemie-Medaille des Dynamit-Erfinders, seither warten wir jeden Herbst gespannt auf eine positive Antwort aus Stockholm. Wie dichtet bzw. singt doch nobelpreiswürdig Dylan mit heiserer Kehle (1963): "The answer, my friend, is blowing in the wind."

Hemmungsloser Hirnschaden. - Schmackhaft, doch zum Kotzen: Eine Studie von Forschenden der ETH und Uni Zürich kommt zum Schluss, dass Junkfood das Hirn schädige. Fettreiches Essen in der Zeit von der späten Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter wirke sich negativ auf die Reifung der Stirnhirnrinde aus. Das könne später schlimme Folgen haben, etwa Mühe beim Lernen oder unkontrollierte Aggressionen. Auch können Betroffene die Hemmungen verlieren (diverse Medien, 16.11.). Zwar wurden die Tests an Mäusen vorgenommen und bei der hohen verabreichten Fettkalorienzahl müssten Jugendliche unweigerlich kotzen. Doch um den Heranwachsenden den saftigen Burger und die gluschtigen Pommes zu vermiesen, wird jetzt auch die Spitzenforschung bemüht. Frage an ETH und Uni Zürich: "Ist Wissenschaft stets relevant und wertfrei?" – Antwort aus dem Elfenbeinturm: "Im Prinzip ja, doch hängt das von den Sponsoren ab." Transparent in diesem Fall ist allein der Blick ins Mäusegehirn.

Warme Luft aus Washington. - Entsetzlich, dazu noch hitzig: Der neu gewählte US-Präsident ist bekanntlich bekennender Klimaskeptiker und bezweifelt die menschgemachte Erwärmung ("ein Scherz"). Wissenschaftler und Elektroautobauer sind beunruhigt, weil Donald Trump die Kohleförderung wieder ankurbeln und die verbrennungsmotorige Autoindustrie aufleben lassen will. Kohlendioxid-Emissionen werden in atmosphärische Höhen steigen, Subventionen für Alternativtechnologien dagegen in tiefe Abgründe sinken - im Gegensatz zum hiesigen verfilzten Klimaschutz-Markt (SoZ, 20.11.). Nach Trumps Triumph verlor die Tesla-Aktie rund 4 Prozent (20 Minuten, 10.11.). Fassungslos war ETH-Klimaphysiker und IPCC-Autor Reto Knutti, zurzeit mit Familie in den USA (TA, 10.11.): "Ich weiss nicht, wie ich die Wahl meinen Kindern erklären soll." Trump erhitzt weltweit nicht nur die Gemüter, sondern auch die Erdatmosphäre. Besonders wirksam dabei wird die warme Luft aus dem Weissen Haus sein.

Animalische Warnsignale. - Tragisch, schon fast vergessen: Schwere Erdbeben haben Ende Oktober Mittelitalien durchgeschüttelt und eine Unzahl mangelhaft konstruierter Häuser zerstört. Zehntausende Menschen sind obdachlos geworden. Die Wissenschaft kann die fatalen Erschütterungen geologisch eingängig erklären: Unter dem Apennin dehnen sich die Erdplatten auseinander, wodurch sich die in den Krustengesteinen ausgelösten Spannungen in vielen kleineren oder eben grösseren Stössen entladen (mehrere Medien, 30.10.). Doch bei der Vorhersage von Erdbeben müssen die Seismologen immer noch verschämt passen, keine Chance! Künftig könnten aber Hunde als Frühwarner dienen. Bevor nämlich die Erde erzitterte, bellten viele Vierbeiner und heulten laut auf (TA-online, 31.10.). Dass sich Tiere Stunden und sogar Tage vor einem Beben auffällig verhalten und flüchten wollen, ist bekannt. Bereits die Römer hatten das Phänomen beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 (Pompeji) beobachtet. Weltweit versuchen daher Wissenschaftler seit langem, die animalische Vorahnung von Naturkatstrophen zu erforschen und zu nutzen. Bisher ergaben solche "Tierversuche" jedoch keine klaren Befunde. Seismisch abgerichtete "Bernhardiner" wären toll, erdbebensichere Bauten aber noch besser.

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ASPIRIN HILFT BEI FRÜHFRANZÖSISCH - Unabhängige Forschung hat ihren Preis. Der hiesige Sprachenstreit und die Bayer-Monsanto-Fusion zeigen das überdeutlich.

Wenn Frühfranzösisch an den Deutschschweizer Primarschulen verschwindet, falle das Land auseinander. Mit diesem apokalyptischen Argument verteidigen die Anhänger der Praecox-Frankofonie ihr Anliegen, unter ihnen Bundesrat Alain Berset und die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Verschiedene Sprachwissenschaftler hierzulande kommen hingegen zum Schluss, dass der frühe Fremdsprachenunterricht den Schülerinnen und Schülern nicht zwingend etwas nütze. Mais attention, solch linguistische Häretiker wurden gleich mehrfach von offiziellen Stellen heftig unter Druck gesetzt, wie die "NZZ am Sonntag" berichtete (18.09.). Dabei sollen sie dermassen schikaniert worden sein, dass sie um Karriere und Forschungsgelder fürchteten. Oder ihre Studien wurden von den Behörden (u.a. EDK) als qualitativ ungenügend abgetan, wie es der Linguistin Simone Pfenninger an der Universität Zürich passierte.
   Eigentlich recht plump, wie hier Exponenten aus Politik und Verwaltung die Wissenschaft zu disziplinieren respektive zu beeinflussen versuchen. Derartige Manipulationen beherrscht die Wirtschaft eindeutig besser - und mit nachhaltigem Erfolg: Man erinnere sich an die Tabakindustrie, die seit den 1950er-Jahren jede Studie schlechtredet, die vor den Gefahren des aktiven (und passiven) Rauchens warnt. Oder an die zahl- und einflussreichen Thinktanks, die der US-Regierung noch heute weismachen, die menschgemachte Klimaerwärmung sei ein Hirngespinst. Oder kürzlich wurde publik, dass vor 50 Jahren die Zuckerindustrie Wissenschaftler der renommierten Harvard-Universität dafür bezahlte, Fett als alleinigen Schuldigen für die Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu deklarieren (TA, 14.09.). Die Hersteller von Softdrinks und Müeslis haben uns also jahrzehntelang zuckersüss verschaukelt.
Am Tropf von Bayer-Monsanto
Doch die langjährigen Machenschaften dieser "Händler des Zweifels"*) sind ein Klacks im Vergleich zum ökonomischen Husarenstück, das letzte Woche verkündet wurde. So will der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Bayer den US-Saatgutriesen Monsanto für 66 Milliarden Dollar übernehmen (14.09.) Damit wird das neue Monster-Unternehmen zum global grössten Agrochemie-Multi und ein Drittel des Weltmarkts in diesem Geschäft kontrollieren. Wir hängen also künftig am Tropf von Bayer-Monsanto (BM), das die gesamte Nahrungskette zu beherrschen versucht und dazu raffiniert ein Gesamtpaket verkauft: Saatgut für stets neue Pflanzen, die zudem konzerneigene Düngemittel und Pestizide brauchen. Obendrein gibt es im BM-Sortiment noch Medikamente, um sich bei allerlei Beschwerden wieder hochzurappeln. Kurzum: Wir werden unsere Teller mit Gentech-Food füllen, die Bauern ihre Lagerräume mit BM-Produkten und der Grosskonzern die Taschen seiner Aktionäre. Schöne neue Agrowelt, die sich die entsprechende Forschung geradewegs selbst einverleibt und so "unabhängig" wirken kann!
   Voilà, zurück zum Frühfranzösisch: Was können dessen Befürworter von Bayer-Monsanto und Konsorten lernen, um die Wissenschaft gewitzter für ihr Anliegen zu beeinflussen? Mehr Gefälligkeitsgutachten, eigens dafür bezahlte Forscher, behördlich manipulierte Studien oder ein diktatorisches Bildungsprogramm? Oder gar Offenheit für andere Sichtweisen, der Einbezug konträrer Untersuchungsresultate? Die Frage rüttelt an der stets als unabhängig gepriesenen Forschung und macht echt Kopfweh. Zum Glück gibt es Aspirin!
   *)  Gemäss dem erhellenden Buch "Merchants of Doubt" von Naomi Oreskes und Erik M. Conway, Bloomsbury Press, 2010

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RAN AN DEN FOOD! - Das Festival FOOD ZURICH tischt derzeit in der Limmatstadt üppig und grossräumig auf. Mit Werbespeck fängt es die kulinarischen Mäuse.

Niemand soll in die Pfanne gehauen werden, doch zwischen Veganern, Vegetariern, Flexitariern, Karnivoren und sogar Allergikern (Frauen mitgemeint) tobt ein ideologischer Meinungsstreit um die «richtige» Ernährung. In saturierten Gesellschaften wird das Essen unweigerlich zur wissenschaftlich gestützten Religion. Forschungsstudien bestärken jeweils die Argumente und wiederholen meist schon verschimmelte Befunde: "Knoblauch und Tomaten sind gut fürs Herz", "Fleisch forciert den Klimawandel" oder aber "Gesunde Kantinenkost senkt die krankheitsbedingten Abwesenheitskosten". Die Gesundheitskiller und Umweltsünder auf dem Teller kennen wir zur Genüge, alles können wir hingegen nicht in einen Topf werfen.
   Nun will also FOOD ZURICH während elf Tagen eine Art ökumenische Messe für die Gläubigen des Essens und Trinkens feiern. Das Festival ist letzten Donnerstag (08.09.) gestartet und bietet an über hundert Anlässen kulinarische Action – vom Street Food über Urban Gardening bis zur städtischen Trüffelsuche, vom Backen mit Blut über Chabis-Kochkurse bis hin zur Haute Cuisine. Dabei werden keineswegs kleine Brötchen gebacken, es wird mit der grossen Kelle angerichtet. Zürich Tourismus und namhafte Partner aus der Gastronomie haben sich zusammengeschlossen, um die "blühende Food-Szene zu fördern und klarer zu positionieren". Stadträtin Claudia Nielsen unterstützt die Veranstaltung und beschwört dabei die 2000-Watt-Gesellschaft, wofür die Ernährung eine zentrale Rolle spiele.
Kulinarisch weit über den Tellerrand hinaus
Doch hinsichtlich 2000-Watt-Gesellschaft kommen wir zwangsläufig in Teufels Küche. Unsern ökologischen Fussabdruck bei der Ernährung hinterlassen wir hauptsächlich und zunehmend im Ausland. Wir schauen nämlich gerne über den heimischen Tellerrand hinaus. Der Selbstversorgungsgrad ist zwar in den letzten 20 Jahren konstant bei 60% geblieben, doch der Import von Nahrungsmitteln und Getränken hat sich in dieser Zeit verdoppelt. Immer beliebter sind Gourmetprodukte, so hat die Einfuhr von Meeresfrüchten seit 2005 um über die Hälfte zugenommen (Anteil am gesamten Fischimport 17%). Geradezu sprunghaft in die Höhe geschnellt ist der Verkauf exotischer Früchte. Heute geht mehr als die doppelte Menge an Mangos, Papayas, Passions- und anderen Tropenfrüchten über den Ladentisch als vor zehn Jahren.
   Auch Avocados sind ein wahrer Renner. Allein in der Schweiz landen 12'000 Tonnen im Jahr auf dem Teller (mit jährlicher Zuwachsrate von 20%). Der globale Heisshunger auf die schmackhafte Frucht führt allerdings im weltweit grössten Anbauland Mexiko zu weitflächigen, illegalen Abholzungen. Doch FOOD ZURICH hat auch gegen die kulinarische Globalisierung etwas in der Pfanne und propagiert den gastronomisch völlig vergessenen Chabis. Das wohl urchigste aller eidgenössischen Gemüse ruft bei mir leider kötzerige Kindheitstraumata wach, mahnte mich doch die Mutter jeweils streng, den Röseli- oder Rüebchöli oder gar den Suurchabis auf dem Teller (wie es sich gehört) endlich aufzuessen. Doch das Revival des krautigen Grünzeugs scheint heute ein gastronomischer PR-Schlager zu sein. Am FOOD ZURICH kreieren über 70 Restaurants ureigene Chabis-Variationen, freilich nicht immer ganz auf schweizerische Art, wie z.B. Champagner-Chabissuppe (Helvetia, Zürich) oder Kimchi Rainbow Roll aus Korea (Yooji’s, Zürich).
Gehobene Kulinarik als nachhaltiges Geschäft
Bei FOOD ZURICH lässt man wirklich nichts anbrennen, um die "kulinarische Vielfalt der Stadt zu zelebrieren" und auch die "regionale und saisonale Küche kreativ ins Zentrum zu stellen". Wichtigste Sponsoren sind aber nicht etwa die Stadtküche, Pfarrer Siebers Sozialwerke oder die Heilsarmee, sondern Food Market Jelmoli, die Feinkostfirma Bianchi und das berüchtigte Limonadenimperium Coca-Cola. Diese grosszügigen Betriebe, nicht gerade bekannt als karitative Organisationen, wollen garantiert ihren Umsatz erhöhen – mit Sushi-Thon und Cola Zero. Im weltweit bekanntesten Getränk, 1886 erstmals von einem US-Apotheker gemischt, stecke mehr Schweiz, als man denke, wirbt Coca-Cola. Bianchi wiederum setzt (im Inserat) auf Exotik, gibt sich aber sozial: Black Tiger Crevetten (aus "nachhaltiger Aufzucht" in Vietnam) seien eine Delikatesse, die sich jeder leisten könne.
   Die hiesige gehobene Kulinarik will also endlich dauerhaft zum grossen Geschäft werden. Obwohl umgarnt von Marketing und omnipräsenter PR, so dumm wie Bohnenstroh sind wir nicht und merken genau: Mit Werbespeck fängt man die kulinarischen Mäuse. Dazu können jetzt noch alle ihren Senf geben.
   (Quellen: Bundesamt für Statistik, Eidgenössische Zollverwaltung, Bundesamt für Umwelt, Schweizerischer Obstverband)

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FELSKUGEL MACHT SCIENCE-FICTION LEBENDIG - Ein erdähnlicher Planet im benachbarten Sonnensystem lässt hienieden Astronomen träumen und Politiker fantasieren. Mit unterschiedlichem Erfolg.

Wenn "Nature" eine wissenschaftliche Sensation ausruft (25.08.), spitzt die westliche Welt die Ohren. Das renommierte britische Fachjournal platziert stets die wichtigsten Themen und Trends in der Forschung. Auch katapultiert es Karrieren in akademische Höhen. Letzte Woche nun verkündete "Nature" die "Erfüllung eines langjährigen astronomischen Traums": Ein internationales Forscherteam unter Leitung der Londoner Queen-Mary-Universität soll den erdnächsten Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems entdeckt haben. Getauft wurde die riesige Felskugel (mit 1,3-facher Erdmasse) auf den prosaischen Namen Proxima b.
   Proxima b gleiche unserem Globus auf frappante Weise, jubeln Astronomen und Journalisten zugleich. Zwar umrunde er seinen Mutterstern Proxima Centauri in nur 11,2 Tagen, doch dieser sei verglichen mit unserer Sonne ein kühler Zwerg. Der aufgespürte Exoplanet dürfte daher eine "habitable Zone" haben, worin Wasser fliessen könnte. Theoretisch wäre dort also ausserirdisches Leben möglich!
   Solch verlockende Aussichten wecken unweigerlich neue Begehrlichkeiten. Für gründlichere Analysen brauche es deutlich stärkere Teleskope und hochauflösende Spektroskope, fordern die 31 Autoren der Studie in "Nature". Auch ein Schwarm winziger Roboter könnte zu Proxima b geschickt werden, um vor Ort mittels Minisonden die Gegend auszuspionieren. All diese kosmischen Geistesblitze kosten wohl viel irdisches Geld, man rechne.
Hellhörige Politik, endlose Reise
Auch die Politik wurde hellhörig und kam wie die Wissenschaft auf mehr oder weniger ernsthafte Erleuchtungen. Wenn die Forscher auf Proxima b sogar intelligentes Leben für möglich halten, liessen sich etliche aktuelle Problemverursacher bequem dorthin abschieben. Man denke an die Flüchtlinge in Como und anderswo, die Streithähne um Burka und Burkini, man nenne die lästigen Mahner für eine grüne Wirtschaft und die Energiewende. Man besinne sich auf die Kriege in Syrien, Afrika und Afghanistan.
   Bei ihren Patentrezepten haben die Volksvertreter jedoch übersehen, dass Proxima b immerhin volle vier Lichtjahre entfernt ist. Die Distanz von unserer Sonne zur Erde bewältigen die Lichtstrahlen in 8,3 Minuten. Folglich würde die Reise zu den erdachten Reservaten auf der planetaren Felskugel endlos dauern - mit den schnellsten heutigen Raumschiffen rund 100‘000 Jahre.
   Doch keine Bange, die Forschungsgelder der Astronomie werden munter weiter sprudeln. Auch die Medien bekommen dadurch süffigen Science-Fiction-Stoff. "Die Aliens wohnen in unserer Nachbarschaft", titelte die SonntagsZeitung einen ganzseitigen Artikel zum Thema (28.08.). Die Himmelskunde wird wie bisher unsere Fantasie mit ausserirdischen Daseinsformen beleben. Hingegen werden die misslichen Politprobleme garantiert auf Erden verharren. Hienieden weist uns die Physik in die Schranken. Tröstlich dabei: Selbst Naturgesetze sind nicht allmächtig.

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SCHWEIZ VERPASST PODIUM BEI TIERVERSUCHEN - Unser Land schwingt nicht nur einzigartig im Sägemehl, sondern forscht auch mit Versuchstieren an der Weltspitze.

Wir leben unweigerlich in einer Welt der fortlaufenden Wettbewerbe. Am populärsten sind die Sportanlässe, aber auch am kurzlebigsten: Bereits vergessen die Fussball-EM in Frankreich, abgehakt die Olympischen Spiele in Rio, vorbei auch das Eidgenössische Schwingfest im freiburgischen Estavayer-le-Lac. Dort kämpften nicht nur die Schwinger um den Siegermuni und andere Gaben, auch Hornusser und Steinstösser liessen sich vom begeisterten Publikum beklatschen. Jedes Volk hat die Traditionssportarten, die es verdient.
   Weit weniger Applaus als am Volksfest des Hosenlupfs gibt es bei einer andern Disziplin. Auch hier wetteifert die Schweiz in den vorderen Rängen mit, und dies auf internationalem Niveau. Genauso wie im hiesigen Sägemehl spielt das Land seine mondialen Stärken in den Forschungslabors aus. Doch bei den Tierversuchen wird nicht gross auf die PR-Pauke gehauen, der Wettbewerb findet hinter verschlossenen Käfig-Türen statt.
Kleinlaute Meldung aus dem Bundesamt
So meldete kürzlich (11.08.) das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) etwas verschämt, dass im letzten Jahr landesweit 682‘000 Tiere für Tierversuche eingesetzt wurden, das entspreche einer Zunahme von 12,5% gegenüber dem Vorjahr. Der Grund dafür seien Verhaltensstudien an grossen Herden (Geflügel) und Artenschutzprojekte (Amphibien). Den Küken und Kaulquappen sei es gegönnt! Über drei Viertel der Tiere kämen in nicht oder wenig belastenden Versuchen zum Einsatz, beschwichtigte das BLV. Zwei Drittel würden in der Grundlagenforschung verwendet, 60% seien Mäuse.
   Die hochsommerliche Meldung des Bundesamts blieb unbeachtet, wurde sie doch vom olympischen Gebrause und dem Burkaverbot-Hype übertönt und in den Medien nicht weiter eingeordnet. Wer jedoch genau hinschaut, sichtet unser Land bei der Versuchstier-Dichte weltweit auf einem Spitzenplatz. Zwar hat die Schweiz das Podium verfehlt, doch Rang vier ist der forschungsintensiven Eidgenossenschaft sicher, noch vor Japan platziert (siehe Statistik unten).
Millionen Fische für Arzneien-Tests
Unangefochten die Nummer 1 ist Norwegen, wo statistisch auf jeden Einwohner ein Versuchstier kommt. 80% davon sind Fische, die im Dienste von klinischen Versuchen mit Medikamenten rumschwimmen. Auch Australien auf Platz 2 entpuppt sich als kontinentales Grosslabor für Tierexperimente, abseits (down under) vom Schuss des aktuellen ethischen Diskurses. Erstaunlich Kanada auf Rang 3 (ein liberales Forschungsparadies?), knapp vor der tierrechtlich strammen Schweiz klassiert. Gefährlich werden könnten uns künftig Japan und Grossbritannien (nach dem Brexit?), hingegen liegen unsere grösseren Nachbarländer Deutschland und Frankreich abgeschlagen weiter hinten.
   China ist wegen der hohen Bevölkerungszahl chancenlos, trotz seines Landesweltrekords von 20 Millionen Versuchstieren. Jedenfalls bleibt der globale Wettkampf um die grösste Versuchstier-Dichte weiterhin spannend, eine akademische Auszeichnung dafür ist aber kaum zu erwarten. Ein solches Experiment brächte der Wissenschaft vermutlich kein lobendes Schulterklopfen und würde ihren Ruf wohl tierisch belasten.
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Zur Statistik: Weltweit werden jährlich schätzungsweise mehr als 100 Millionen Tiere für Versuche (Forschung, Ausbildung etc.) eingesetzt. In den einzelnen Ländern sind die Tierversuche statistisch unterschiedlich erfasst, manchmal auch unvollständig (hohe Dunkelziffer). Die Eigenrecherche stützt sich auf mehrere (meist offizielle) Quellen (für 2014 bzw. 2015) und ergibt folgende Reihenfolge betreffend Versuchstier-Dichte (Anzahl Versuchstiere pro Kopf der Bevölkerung):
1. Norwegen (5,5 Mio. Versuchstiere jährlich (80% Fische) / 5,3 Mio. Einwohner / Dichte 1:1, d.h. 1 Versuchstier pro 1 Einwohner)
2. Australien (7 Mio. / 24,3 Mio. / 1:3,5)
3. Kanada (3,75 Mio. / 36,3 Mio. / 1:10)
4. Schweiz (682‘000 / 8,3 Mio. / 1:12)
5. Japan (ca. 10 Mio. / 126,5 Mio. / 1:13)
Weitere relevante grössere Länder: Grossbritannien (4,1 Mio. / 64 Mio. / 1:15), USA (ca.16 Mio. / 324 Mio. / 1:20), Deutschland (2,8 Mio. / 81 Mio. / 1:29), Frankreich (2,2 Mio. / 66 Mio. / 1:30), China (ca. 20 Mio., Land mit höchster Gesamtzahl Versuchstiere / 1,38 Mia. Einwohner / 1:69), Russland (keine Angaben, ohne gesetzliche Regelung)

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DREIMAL SCHLAPPES HIRNGEMÜSE - Hochsommer ist die Saison für Saure-Gurken-Wissenschaft. Einige akademische Händler verkaufen aber bereits matsches Grünzeug.

1. Stolzer Preis für totalen Hirninfarkt
Kein intelligentes Hirn stemmt sich gegen seine Erforschung. Von diesem Befund profitiert das Human Brain Project (HBP), das 2013 zum EU-Flaggschiff erkoren wurde und das menschliche Gehirn als Ganzes simulieren will. Die EU finanziert das prestigeträchtige HBP mit einer halben Milliarde Euro, die gleiche Summe sollen die beteiligten Staaten einschiessen. Seit Anbeginn stand das Monsterprojekt unter Beschuss. Dem überaus ehrgeizigen Projektleiter Henry Markram von der EPF Lausanne wurde Inkompetenz beim Management und der angepeilten Wissenschaft vorgeworfen, 800 Neuroforscher wollten das Vorhaben sogar boykottieren.
   Jetzt droht dem HBP wiederholt Ungemach. Markram wurde entmachtet, die Organisation des HBP neu strukturiert, wie kürzlich zu erfahren war (SDA 28.07.). Ein Stakeholder Board trifft finale Beschlüsse und versammelt Vertreter aus den 19 Teilnehmerländern. Die Schweiz wird repräsentiert durch (man staune) Patrick Aebischer, bis Ende Jahr noch Präsident der EPF Lausanne. Daneben wurden ein Forschungsbeirat sowie ein Direktorat zur Verwaltung des Kernprojekts eingerichtet, die beide ebenfalls die Interessen der insgesamt 135 beteiligten Forschungsinstitutionen berücksichtigen sollen.
   Ein solcher Organisations-Wasserkopf riskiert jedoch zum administrativen Trauma mit unzähligen Sitzungen, endlosen Diskussionen und fruchtlosen Zänkereien zu werden. Statt das humane Denkorgan ganzheitlich zu studieren, wird das HBP die überforderten Hirne der beteiligten Wissenschaftler unweigerlich zum Kollaps führen. Schlussendlich kostet der neurologische Total-Infarkt eine Milliarde Euro. Hirnverbrannte Big Science hat eben ihren Preis.

2. Eliten für die wachsende Ungleichheit
Kein weltoffenes Hirn verneint, dass unsere Hochschulen in die Zukunft weisen sollen. ETH-Präsident Lino Guzzella setzt dabei auf die Elite. Verständlich, liegt doch seine Hochschule in den globalen Rankings unter den Top Ten. Im grossen Interview des Nachrichten-Portals Watson (31.07.) steht der mächtigste CEO der Schweizer Wissenschaft voll dazu: "Die ETH ist eine Schule, die für die Eliteausbildung zuständig ist." Die Absolventen sässen denn auch in führenden Positionen in der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, wie etwa der amtierende Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, ein ETH-Elektroingenieur.
   Weitere eindrückliche Beispiele lassen wir besser sein, aber man staune errneut: Die Forschung an der eidgenössischen Vorzeige-Universität soll mithelfen, die Probleme der Welt zu lösen, bekundet Hochschulchef Guzzella. Und der hochqualifizierte Verdienstadel mit ETH-Abschluss, also die Elite, trage dabei ihr erworbenes Wissen (aus der Forschung) in die Welt hinaus. Angesichts dieser Verblendung reicht die Weitsicht von der Zürcher Rämistrasse (ETH-Hauptsitz) nur knapp bis an den Üetliberg. Die Zeiten ausserhalb der akademischen Hallen haben sich nämlich geändert, die Eliten sind zum eigentlichen Weltproblem geworden: Praktisch alle lukrativen Technologien (aus Stätten wie der ETH) werden vom reichen Norden in den armen Süden gepumpt und (zu) teuer verkauft, obwohl sie dort nicht zur Kultur passen bzw. nicht angemessen funktionieren. In die genau umgekehrte Richtung fliesst hingegen der mächtige Strom der ausgebeuteten Rohstoffe und des damit eingesackten Geldes.
   Eliten hier wie dort werkeln folglich munter weiter an der wachsenden Ungleichheit zwischen Nord und Süd, der primären Ursache von Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Armut, Kriegen, Flüchtlingsströmen und Terror. Doch stopp, keine Schwarz-(Weiss-)Malerei! Noch ist die Welt (zumindest von der privilegierten Schweiz aus gesehen) nicht ganz aus den Fugen. Vielleicht gelingt der ETH Zürich ja dereinst sogar der mentale Blick über die Alpen. Bis hinunter nach Venetien, der Herkunftsregion des bekennenden Secondos Guzzella. Und noch viel, viel weiter südwärts. Wunder passieren bekanntlich auch in der Wissenschaft.

3. Fotovoltaik auf Dächern ist weniger sexy
Kein vernünftiges Hirn bestreitet, dass die Sonnenenergie baldmöglichst die Klimakiller Öl, Gas und Kohle ablösen muss. Bertrand Piccard hat aus diesem hehren Ziel mit seinem solarbetriebenen Flugzeug eine pompöse Show gemacht. Die Werbetrommel dafür wirbelte er bis zur letzten Ankunft in Abu Dhabi am 26. Juli, als die ganze Welt ihm nochmals heftig applaudierte. Bravo! Auch dass der erblich belastete Waadtländer Pionier für seine Erdumrundung (samt 100-köpfigem Begleittross) weit mehr Energie verschwendete als ein kommuner Linienjet für die gleiche Strecke, hat das Publikum keineswegs entgeistern können.
   Selbst der ökologische Riesenfuss, auf dem der Sunnyboy von Solar Impulse 2 lebt, vermochte den Beifall nicht zu schmälern. Verständlich, entspricht doch der gigantische Fussabdruck gänzlich Piccards Ego. Die Materialschlacht und der Kerosinverbrauch seiner PR- und Technik-Karawane (inklusive verpuffte Treibhausgase) überzeugten jetzt sogar die hartnäckigsten Solarskeptiker von der (zumindest) medialen Wirksamkeit dieser erneuerbaren Energieform. Niemand wird zwar künftig ein Solar-Grossflugzeug besteigen, dazu fehlt der Maschine die nötige konzentrierte Antriebskraft, vielleicht reichts mal für Elektroflieger im Regionalverkehr. Doch man verzeihe, Hirne werden nicht (nur) vom Verstand geleitet. Und weit effizientere Fotovoltaik auf Dächern und andern Flächen ist halt weniger sexy, wenigstens für den einträglichen Personenkult.

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ZICKZACK IN DER WISSENSCHAFT

Wissenschaftsjournalismus vom Schärfsten! - Endlich hat jetzt auch die Wissensseite des "Tages-Anzeigers" eine Sexkolumne bekommen; es ist aber auch höchste Zeit, sozusagen eine heiss ersehnte Klimax. Die Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri schreibt jeden Freitag (TA ab 10.06.) über zutiefst vaginal erforschte Themen, beispielsweise wie oft man/frau in einer Partnerschaft Sex haben soll ("… hängt von vielen Faktoren ab, vom körperlichen und mentalen Wohlbefinden …"). Oder wann Eifersucht krankhaft ist ("… der sogenannte Eifersuchtswahn wird als Subtyp einer wahnhaften Störung kategorisiert …"). Oder letzthin darüber, ob ich Viagra ausprobieren soll ("… im Prinzip spricht wenig dagegen … es führt zu einer besseren Hydraulik … aber eventuell auch zu einer verstopften Nase …"). Die 35-jährige Sexologin Burri soll gemäss TA in ihrer Freizeit einen schweren und schnellen Töff fahren, selbst Käse herstellen (im Tagi oder auf der Alp?) und zu den führenden Expertinnen ihrer Disziplin gehören (Greyerzer oder Gorgonzola?). Bisheriges Fazit: Sexit!

Klimaretter aus Gummi. - Die Welt als ökologische Groteske: Es steht super um den Klimaschutz, verkauft doch der französische Reifenhersteller Michelin einen Pneu namens "CrossClimate". Das fetzige Produkt soll im Winter wie im Sommer taugen und dabei auf "ziemlich jede Situation" vorbereitet sein. Dank innovativer Technologie könne (laut Werbung) der Allround-Reifen den Klimarisiken (franz. Original: aléas climatiques) meisterhaft trotzen. Die Automobilindustrie verdient zweifellos Anerkennung, hat sie doch noch die Erderwärmung entdeckt und entsprechend wirksame Gegenmassnahmen entwickelt. Allez donc: Autofahrer aller Länder (mit "CrossClimate" an den Rädern) atmet möglichst abgasfrei durch, euer Treibhausgas-Gewissen ist endlich entlastet! (Zum TV-Werbespot)

Noble Rezepte. - Tröstlich sind auch die Empfehlungen des schottischen Wirtschaftsnobelpreisträgers (2015) Angus Deaton, der am Rande des Swiss Economic Forums in Interlaken um seine Meinung zur Weltlage gefragt wurde (TA, 11.06.). Journalist: "Was kann der Westen gegen Armut in den Entwicklungsländern tun?" Deaton, ohne abzusetzen: "Wir können viel tun, indem wir neue Technologien entwickeln, die diesen Ländern helfen, oder indem wir Krankheiten bekämpfen. Es gibt viel nützliches Wissen im Westen. Ich glaube nicht, dass Entwicklungshilfe eine gute Sache ist. Aber wir müssen die Schranken für den Welthandel senken, sodass afrikanische Bauern ohne Hilfe zu Wohlstand kommen." Alles klar? Schicken wir also unsere selbstfahrenden Autos ins Verkehrschaos südamerikanischer Städte! Oder installieren wir unsere Sensoren zum Steuern der Kühlschränke (Internet der Dinge) in den indischen Slums! Lassen wir doch endlich Roboter in afrikanischen Spitälern die Bettwäsche wechseln und die Mahlzeiten servieren! Ein längst fälliger nobler Fernblick, der aufzeigt, wo es langgeht.

Endlich frei! - EPFL-Präsident Patrick Aebischer tritt Ende 2016 nach 16 Jahren im Amt zurück (sein Nachfolger siehe weiter unten). Der umtriebige Mediziner und Neurowissenschaftler erinnert sich an die Anfänge seines Mandats: "Von allen Seiten kamen Schläge - das ist wie in einer Wäschetrommel! (…) Vermutlich spielte auch mein noch eher unbeschwertes Alter eine Rolle." Er war damals 44 und freut sich heute, "wieder ein freier Mensch" zu sein (Horizonte Nr. 109). "Es war ein ständiger Kampf gegen Stillstand, risikoscheues Denken und festgefahrene Strukturen." Ein wahrer Revoluzzer, dieser Aebischer! Gönnen wir ihm jetzt seine wiedererlangte Freiheit, nach 16 Jahren Kerker (und Folter) in der eidgenössischen Anstalt am Lac Léman!

Bedeutsame Befunde. - Wissenschaftliche Studien ergeben manchmal unvermutete Resultate, so bekommt Soft Science auch ihre verdiente Legitimation. Zum Beispiel: Wer gerne schwarze (bittere) Schokolade isst, hat ein schwächeres Immunsystem und ist daher öfters erkältet. Da hab ich Pech gehabt! Oder: Akademiker erkranken häufiger an Hirntumoren als Menschen mit geringer Schulbildung. Uff! Weiter: Depressive Frauen werden viel seltener schwanger. Geht mich nix mehr an! Schliesslich noch: Je attraktiver die Frau, desto dümmer wird der Mann. Na, ja! (Wissensseiten TA, 20 Minuten etc. im Juni)

Atomschlag via Floppy Disks. - Mit zunehmendem Alter blickt man dankbar zurück auf den technologischen Fortschritt, wovon man zeitlebens profitiert hat. Hinsichtlich Computertechnik bin ich ein Kind der Lochkarten, die bei üppiger Anwendung jeweils kistenweise in die Rechenmaschine geschoben wurden. Dann beglückten Kassetten und Disketten aller Art und Grösse unsere EDV-Arbeit. Aber auch Floppy, 3,5-Zoll- und Compact Disk wie letztlich auch der USB-Stick bleiben temporäre Speichermedien, deren Inhalt mit der Zeit zerfällt. Digitalfotos, E-Bücher, PDFs und MP3-Dateien verkommen unweigerlich zum Magnetspeicherschrott. Eigentlich tröstlich, doch der Mensch strebt nach Ewigkeit und fürchtet die Vergänglichkeit wie Elektronik das (Weih)wasser.
   Nun sollen hitzebeständige Tafeln unser kulturelles Erbe retten. Das "Memory of Mankind"-Archiv im österreichischen Hallstatt brennt Manuskripte von Universitäten und zahlungskräftigen Privatkunden auf strahlungsresistente Keramikplatten und lagert sie anschliessend in einem alten Salzwerk ein. Das Unternehmen nennt sich "grösste Zeitkapsel der Menschheit" und will unser Wissen in eine ferne Zukunft tragen. Hoffentlich bleibt dafür genügend Zeit, denn wie letzthin bekannt wurde (TA, 31.05.), liegt die automatische Steuerung der US-amerikanischen Nuklearwaffen in den "Händen" eines IBM-Computers der 1970er-Jahre. Dabei nutzt der vergreiste Rechner als zentrale Datenträger - man staune - Floppy Disks! Bevor also auf einem dieser biegsamen Scheiben (Durchmesser 8 Zoll) ein fehlerhaft gespeichertes Byte (Zeichen) falsch interpretiert wird und dadurch die Welt in atomaren Schutt und Asche legt, sollten wir unsern einzigartigen Wissensschatz auf den angeblich unzerstörbaren Tontafeln verewigt haben. Ein einträgliches Geschäft!

Schweiz erobert Land, zumindest geodätisch. - Auch in der Landesvermessung stürmt die Technologie voran. Mein geodätisches Weltbild gründete noch auf der Triangulation und den entsprechenden Geländepunkten. Die dazu erforderlichen Winkelmessungen hatten wir mit dem Theodoliten während des Ingenieurstudiums drillmässig geübt. Doch seither wurden zahlreiche Satelliten ins All geschossen, die jetzt zur zentimetergenauen Neuvermessung der Schweiz eingesetzt werden. Und siehe da: Unser Land ist aufgrund der präziseren Messmethoden kürzlich um 30,6 Hektaren "grösser" geworden (NZZ, 06.04.). Der Landgewinn ergäbe gegen Süden ausgerichtet einen stattlichen Rebberg, doch passiert der Zuwachs nur auf dem Papier und nicht in der Realität. Der potenzielle süffige Wein bleibt folglich ein eingebildeter Tropfen, schade! Ein Trost jedoch bleibt: Auch der rastlosen Immobilienbranche bleibt kein zusätzlicher Quadratmeter übrig.

Erstmeinung allein: Handicap oder Privileg. - Die Überlebenschance bei an Hirntumor erkrankten Kindern (in der Schweiz jährlich ca. 45) hängt vom Bildungsstand der Eltern ab. Eine neue Studie zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit zu überleben zwischen Kindern von Eltern mit tiefem Bildungsniveau und Kindern von Eltern mit hoher Bildung bis zu 20 Prozent ausmachen kann (TA, 12.05.). Forscher und Ärzte sind vom Resultat überrascht, erklären es aber damit, dass Eltern mit hoher Bildung vermehrt eine Zweit- oder Drittmeinung einholen, bevor sie sich dann für die bestmögliche Therapie entscheiden. Eltern mit tieferer Bildung begnügten sich oft nur mit einer Meinung. Zweifellos ist jede solche Krebserkrankung für Kind und Eltern ein tragisches und häufig tödliches Schicksal, auch die soziale Benachteiligung ist unseres Wohlstandslandes unwürdig. Wir Schweizerinnen und Schweizer sind aber betreffend Gesundheitswesen noch immer hoch privilegiert, wenn man beispielsweise mit Schwarzafrika vergleicht. Dort erhalten die meisten Patienten nicht mal eine kompetente Erstmeinung, geschweige denn eine Therapie. Zugegeben, der Vergleich ist argumentativ unzulässig, regt aber zum Denken an.

Fleischlos länger leben. - Was nach einigen Wochen Abwesenheit in der Schweiz auffällt, ist der grosse Anteil älterer Menschen im öffentlichen Raum (gehöre auch dazu), viele mit freudlosem Antlitz und verbissen-verbittertem Ausdruck (wehre mich dagegen). Und jetzt will eine US-Studie belegen, dass Vegetarier noch länger leben als Karnivoren, nämlich volle 3,6 Jahre (Blick am Abend, 10.05.). Nimmt der Trend zu fleischloser Kost weiterhin zu, steigt folglich auch die Zahl der frustrierten Alten. Allerdings taucht diese Spezies nicht in den PR-Broschüren der kommerziellen Gesundheitsindustrie auf, dort sieht man nur strahlende Gesichter. Was weiter in unserem Land hervorsticht: Die Jugend ist zwar physisch präsent, doch geistig abwesend; die jungen Frauen und Männer manipulieren pausenlos ihr Smartphone, schreiben SMS oder hören Musik. Vielleicht stört sie im engen Helvetien auch der allgegenwärtige Lärm, vor allem der vielen Baustellen, aber auch des Verkehrs. Leider sind zu diesem (a)sozialen Phänomen noch keine Forschungsresultate zu finden.

 Big Science mit Biss. - Ein Marder hat sich am CERN tödlich in einen Transformator verbissen und so den weltgrössten Teilchenbeschleuniger LHC kurzschliessend lahmgelegt (mehrere Medien, 30.04.). Bereits sollen CERN-Physiker reagiert und eine neuartige Falle gebaut haben, die künftig schädliche Tierchen und andere feindliche Angreifer mithilfe des wechselwirkenden Higgs-Feldes fernhält. Ein solch quantendynamischer "Masse-Damm" ist gemäss Insiderquelle die erste praktische Anwendung des am CERN nachgewiesenen Higgs-Bosons und wurde in den Forschungslabors bei Genf ausgiebig gefeiert. Prosit, hicks!

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Hannover, Mitte März. - Bundeskanzlerin Angela Merkel, mächtigste Frau der Welt, besuchte an der diesjährigen CeBIT den Stand der ETH Zürich. Dabei unterschrieb die Physikerin im Beisein von ETH-Präsident Lino Guzzella (Maschineningenieur, rechts) und Bundespräsident Johannes Schneider-Ammann (Elektroingenieur) einen Vertrag, wonach Deutschland ein Drittel des Renommees der eidgenössischen Hochschule (Top Ten worldwide) für sich beanspruchen darf. Das entspricht ungefähr dem Anteil der Professoren und Doktorierenden aus dem "grossen Kanton" (die beste Universität liegt dort in den globalen Rankings auf Platz 29). Im Gegenzug erhält die ETH (analog zur Türkei für die Flüchtlinge) jährlich 200 Millionen Franken zur Beherbergung der hier geschätzten und eigentlich unentbehrlichen deutschen Hochschullehrer und Forscher. Das Abkommen trat bereits am 1. April in Kraft; das Lächeln (er kann es doch!) von Forschungsminister Schneider-Ammann verrät, dass dadurch elegant ein brennendes Budgetproblem gelöst werden kann, muss doch der Bundesrat ständig die hartnäckigen Geldforderungen des ETH-Rats abwehren. Zudem darf sich die ETH als nun quasi Ein-Drittel-EU-Universität wieder uneingeschränkt am lukrativen europäischen Forschungsprogramm "Horizon" beteiligen. Erstaunlicherweise hat sich keine politische Partei gegen diesen hochschulpolitischen Alleingang ausgesprochen, die grosszügige Entschädigung scheint protestdämpfend zu wirken. Die ETH stehe ja immer noch auf Schweizer Boden, meldete die SVP. (Bild: ETH Zürich)

Korruptionsimmune Roboter. - Zurzeit werfen die Panama Papers hohe Wellen; ranghohe Politiker und Funktionäre, berühmte Künstler und illustre Wirtschaftskapitäne aus aller Welt werden darin enttarnt, wie sie ihre stattlichen Einkünfte via Offshore-Firmen am Fiskus vorbeischleusen (alle Medien, 06.04.). Doch siehe da: Kein einziger (zumindest bekannter) Wissenschaftler befindet sich unter den Steuerflüchtlingen - oder irre ich mich? Die akademische Gemeinschaft ist dazu wahrlich zu beglückwünschen! Diese ehrbare Haltung drückt sich auch beispielsweise in der Robotik aus. So sind immer mehr künstliche Wesen im Einsatz, hauptsächlich in Japan und dort in Hotels und Restaurants, neuerdings auch auf Kreuzschiffen. Flink und unermüdlich erbringen die Roboter unzählige Serviceleistungen, sogar ohne seekrank zu werden. Die Forscher haben die Maschinen jedoch auch dazu erzogen (sprich: programmiert), nie ein Trinkgeld zu verlangen, was bei der Kundschaft bestens ankommt. Somit sind die wissenschaftlich hochgezüchteten Androide auch nicht käuflich und bestechlich. Ein Ansatz, den es im globalen Finanzwesen zu bedenken gäbe.

Bolivianische Fission. - Während wir hierzulande die Atomkraft endlagern, baut Bolivien für 300 Millionen Dollar ein beachtliches nukleares Forschungszentrum (NZZ, 07.03.). Mit Technologie aus Russland will das südamerikanische Land künftig die Kernenergie nutzen. Die einen steigen ein, die andern aus - eine neuartige Kettenreaktion!

Akademisches Zusammenrücken. - Der ETH-Bereich mit den Hochschulen in Zürich und Lausanne sowie den Forschungsanstalten PSI, Empa, WSL und Eawag beklagt Platzmangel und erweitert seine Standorte. Gleichzeitig sind in vielen Gebäuden korridorweise leere Büros zu beobachten (TA, 07.03.). "Wir müssen enger zusammenrücken", sagt nun die Schulleitung, denn die ETH stehe unter Spardruck; das Bildungsbudget des Bundes wachse nicht im gewünschten Ausmass. Man rechne: Bei einem Immobilienportfolio des ETH-Bereichs von knapp 1 Mio. Quadratmetern und insgesamt 50'000 Studierenden und Mitarbeitern ergibt das eine stolze Studier-, Büro- bzw. Laborfläche von durchschnittlich 20 Quadratmetern pro Person. Da liegt noch einiges an Verdichtung drin! In den Studierstuben wird allerdings befürchtet, dass eine räumliche Kompression auch den freischwebenden Akademikergeist bedrücken könnte.

Wissenschaft gleich Spitzensport. - Rücksichtslosigkeit zahlt sich aus: Diesen Befund haben Forschende der Uni Basel in einer belangvollen Studie mit 341 Amateursportlern herausgefunden. Dabei zeigte es sich, dass die willensstärksten (und fittesten) Menschen allesamt selbstsüchtige, manipulative und kaltblütige Züge aufwiesen (20 Minuten, 04.03.). Im Spitzensport kann das ein entscheidender Vorteil sein. Trifft das auch in der Wissenschaft zu? Hier streben sowohl einzelne Talente wie grosse Teams nach neuen Erkenntnissen. Mit Preisen geehrt werden jedoch meist nur die individuellen Genies, wie im Spitzensport!

Hostessen für 1'000 PS. - Der Autosalon fuhr dieses Jahr (03.03. bis 13.03.) auf ein neues Schlagwort ab: Das selbstfahrende Fahrzeug, quasi autonom auf der Strasse verkehrend. Die Branche sagt damit in toto weniger Unfälle und einen tieferen Benzinverbrauch voraus. Tönt gut! Trotzdem fragt man sich, warum denn in den Medienberichten aus Genf langbeinige Hostessen hauptsächlich imposante Benzinschlucker präsentierten. Spritkonsum (infolge 1'000 PS Motorleistung) und Unfallgefahr (infolge geschlechtsspezifischer Ablenkung) steigen damit ins Unermessliche! Das automatische Auto scheint als blosse Idee zu imponieren, keinesfalls jedoch als aufreizendes Bildsujet.

Forschungspolitisches Dilemma. - Ein ETH-Student verschaffte sich Zugang ins interne Netzwerk der Hochschule, bestellte Software und lud Daten herunter. Nach langer und umfangreicher Fahndung konnte der Hacker verhaftet werden (20.02.). Hochschulpolitiker streiten sich nun darüber, ob der weltberühmten ETH Zürich die Forschungsgelder zum Thema IT-Sicherheit erhöht oder aber gestrichen werden sollen. Eine andere Universität (oder Fachhochschule) könnte diesbezüglich vermutlich Resultate erarbeiten, die sich auch in der (hauseigenen) Praxis rasch bewähren.

Dick fällt ab und um. - Eine aufschlussreiche Studie haben Forschende der University of Roehampton in London mit zehn Pinguinen durchgeführt (TA, 18.02.). Das Resultat: Dicke Tiere fallen eher um als ihre dünnen Artgenossen. Die findigen Wissenschaftler vermuten, dass die Haltung der Tiere wegen des in Richtung Bauch verlagerten Körperschwerpunkts weniger stabil sei. Der Mensch hingegen passe sich den Umständen besser an: Übergewichtige laufen langsamer und mit kleineren Schritten, Schwangere wiederum treten mit breitbeinigem Gang ihrem neuen Körperumfang entgegen. Die bedeutsame Untersuchung stimmt froh, denn entwicklungsbiologisch haben wir immerhin die watschelnden Pinguine hinter uns gelassen.

Fernrohr-Flüchtlinge. - 9'000 Chinesen sollen wegen des weltweit grössten Radioteleskops in der Südprovinz Guizhou umgesiedelt werden. Die Bewohner im Gebiet von fünf Kilometern rund um das geplante Riesenfernrohr müssen ihr Zuhause verlassen, weil sie den Empfang ausserirdischer Signale stören könnten. Dafür erhalten sie eine neue Wohnung sowie eine Entschädigung von umgerechnet 1'776 Franken (20 Minuten, 17.02.) Radioteleskope vermögen selbst schwächste Strahlung aus der Tiefe des Weltalls einzufangen. Dadurch erhoffen sich Forscher neue Erkenntnisse über das Universum und neuerdings auch über die Vertreibung von Erdenbürgern, sogenannten Fernrohr-Flüchtlingen.

Chefwechsel an der EPFL. - Unbeachtet von der Deutschschweizer Öffentlichkeit hat der Bundesrat den neuen Präsidenten der ETH Lausanne gewählt (25.02.). Auf den charismatischen, umtriebigen Mediziner Patrick Aebischer folgt Anfang 2017 der als eher spröde und bürokratisch geltende Informatikprofessor Martin Vetterli, jetzt noch Forschungsratspräsident des Schweizerischen Nationalfonds. Die ETH Zürich kann endlich aufatmen: Vom Lac Léman aus werden die hochschuloperativen Wogen künftig nicht mehr so hoch in die Limmatstadt schlagen und dort für keifende Atemnot sorgen. Böse Zungen sagen sogar voraus, dass mit dem Führungswechsel die EPFL in universitäre Bedeutungslosigkeit eintauchen werde.

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VOLLMUNDIGE VORSTÖSSE - #1 Rollender Aufstieg. Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger will das prosperierende Uniquartier mit Rolltreppen und Rollbändern besser erschliessen. Ein Förderband-System sei für die zu erwartenden grossen Menschenmengen eine vorstellbare Lösung. Die altbewährte, aber leistungsschwache Polybahn soll "modernen Transportmitteln" weichen. Diese Vision tat der rührige Tiefbauvorsteher an seiner Jahresmedienkonferenz kund (19.01.). Was steckt hinter der städteplanerischen Erleuchtung? Weitsichtige rollende Planung? Ein Symbol? Soll etwa der gesellschaftliche Aufstieg in die akademische Gemeinschaft (sprich: Elite, siehe unten) auch physisch rascher passieren? Bequemlichkeit? Eigentlich wäre ja gerade für die jungen Studierenden neben geistiger auch körperliche Bewegung angesagt, weil sie (wie wir alle) tagelang herumhocken. Das gilt natürlich auch für die andern Uniquartierleute, die bewegungsarm hier wohnen oder arbeiten (Kantonsspital, Hochschulen). Die Idee der Rolltreppen scheint die Stadtverwaltung (noch) nicht schlüssig durchdacht zu haben, auch ist sie nicht neu. Bereits vor etlichen Jahren hat das fernöstliche Singapur mit Rolltreppen geprotzt, die draussen beispielsweise in Parks führen (siehe Bild oben, 2009). Die sonst als innovativ geltende Limmatstadt kann sich also diesbezüglich kaum als Vorreiterin bzw. Vor-Rollerin brüsten.

#2 Eidgenössisches Elitedenken. ETH-Präsident Lino Guzzella plädiert mit Verve für eine meritokratische Elite: „Unsere Besten“ heisst die Titelgeschichte im aktuellen "Schweizer Monat" (Februar 2016). Der oberste Chef der Spitzenuniversität räumt dabei auf mit den Privilegien von Gottes Gnaden (aristokratische Elite), macht sich jedoch (verständlicherweise) stark für eine Auslese der Besten, die auf universitären Leistungen beruht. Ein Nährboden für solche Supertalente sei die ETH Zürich, die es daher angemessen zu fördern (sprich: finanzieren) gelte. Der bekennende Secondo Guzzella ist voll überzeugt, dass ein leistungswilliger und hochqualifizierter Verdienstadel (meritokratische Elite) am "ehesten Gewähr für eine zukunftsfähige Schweiz" biete. Im technokratisch angehauchten Credo findet man leider kein Wort darüber, dass letztlich alle Spielarten von Eliten den gleichen Prinzipien (und Gesetzen) gehorchen: Machterhalt, wenn möglich Machtzunahme, Pflege von Seilschaften (Nepotismus/Vetternwirtschaft) und akribische Wahrung der Eigeninteressen. Die eigentlichen Weltprobleme (Plünderung von Rohstoffen, wirtschaftliche Misere, Hunger, Kriege, Flüchtlinge) werden durch sogenannte Eliten (Politklasse, Geldadel, Familienclans, Industriekapitäne, Wissenschaftskoryphäen) keineswegs gelöst, sondern vorwiegend verursacht. Auch die Schweiz sitzt im "globalen Dorf" und ist davon betroffen - trotz Durchsetzungsinitiative! Empfohlene Lektüre dazu: Greg Mills, "Why Africa is poor" (because its leaders have made this choice), Penguin Books, 2011.

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WUNDERSAME WISSENSCHAFT - Februar 2016. Viele wissenschaftliche Studien offenbaren entweder banale oder dann merkwürdige, erdferne Resultate. Triviale Ergebnisse werden dabei als hoch relevant deklariert, verquere Befunde oder Methoden sollen die Neugierde wecken. Beide Typen werden gerne in den Medien publiziert (auf Papier oder online), lassen die Leserschaft aber häufig ratlos zurück. Ohne Hintergründe und Einordnung sind sie, wenn nicht abgedroschen, dann kaum verständlich und nachvollziehbar. Satirisch rufen die Befunde geradezu nach hilfreichen Erklärungen und erhellenden Zusatzuntersuchungen, gemeinhin nur in fachübergreifenden Teams zu meistern. Eine kleine Auslese (4 Beispiele):

#1 Voll auf Einsteins Frequenz. Der grosse Physiker hatte vor 100 Jahren recht mit seinen Zweifeln an Newtons unsichtbaren Kraftlinien, die wie Federn zwischen den Himmelskörpern aufgespannt sein sollen. Für Einstein hingegen war die Massenanziehung (Gravitation) ein dynamisches Kraftfeld, in dem Raum und Zeit selbst als Wellen vibrieren. Jetzt hat ein internationales Forschungskonsortium diese Gravitationswellen in einer gigantischen Laseranlage in den USA nachgewiesen (sämtliche Medien, 11./12.02.). Einsteins allgemeine Relativitätstheorie stimme also, heisst es aus berufenem Physikermunde. Die Gravitationswellen sollen ein neues Fenster zum Universum öffnen, melden die Wissenschaftler. Schwarze Löcher, Supernova-Explosionen und sogar der Urknall werden damit erklärbar und können neue Erkenntnisse und Antworten auf alte Fragen liefern. Interdisziplinäre Teams von Politologen, Ökonomen und Soziophysikern werden daraus vermutlich rasch Nutzen ziehen und ungeahnte Lösungsvorschläge für die Syrienkrise, die unaufhaltsamen Flüchtlingsströme und die drohende Massenarbeitslosigkeit infolge der vierten industriellen Revolution präsentieren. Finanzpolitiker geraten bereits in gravitätische Vibrationen, scheinen doch die in "Big Science" investierten astronomischen Geldbeträge endlich auch eine irdische Ernte einzufahren.

#2 Wie weit den Blutdruck senken? Eine "wegweisende Studie" aus den USA soll gezeigt haben, dass mit einer stärkeren Senkung des oberen Blutdruckwerts auf maximal 120 mm Hg mehr Todesfälle verhindert werden können (TA, 29.01.). Das bedeutet gemäss Schulmedizin für die Patienten, zusätzliche Blutdrucksenker zu schlucken. Bereits sind medizinische Mathematiker am Werk, die ausrechnen, wie viele Betablocker und Antagonisten jemand täglich hinunterspülen muss, bis sein Blutdruck auf null gefallen ist und keinerlei Gefahr mehr für die Arterien besteht. Biophysiker mit Schwerpunkt Agonie studieren indes, ob ein solcher Mensch rein physikalisch überhaupt überleben kann. Allerdings, so melden besorgt die Hausärzte, würden dabei die Nebenwirkungen ins Unendliche steigen. Die Patienten sind garantiert chronisch todmüde und absolut impotent, zudem ist ihnen dauernd schwindlig. Lesen Sie also bitte stets aufmerksam die Packungsbeilagen!

#3 Kochkunst in den Kantinen. Verschiedene Untersuchungen befassen sich mit der Kost in den Kantinen. Fazit der einschlägigen Studien: Investitionen in die Gesundheit sind lohnenswert, denn dadurch würden die krankheitsbedingten Abwesenheitskosten um 25 bis 30 Prozent sinken (TA, 30.01.). Wer also mehr Gemüse, Obst, Tofu und Reis verschlingt, unterstützt Arbeitgeber und Aktionäre gleichermassen. Zu dieser kulinarischen Solidarität wollen jedoch nicht alle beitragen. Vielfach ist nämlich das gesunde Menü teurer, ausserdem untergräbt die militante Vegetarisierungswelle den besonderen Groove einer Kantine oder Mensa. Im betrieblichen Miteinander lässt sich doch so hemmungslos Bratwurst mit Rösti, Schnitzel Pommes Frites, saftige Hamburger, panierte Fischstäbli und deftige Lasagne verschlingen. Bereits sind hoch bezahlte Wirtschaftswissenschaftler und spezialisierte Gatronomieforscher am Werk, um zusammen die kulinarische Anziehungskraft von Betriebsküchen zu ergründen und diesbezüglich attraktive, aber auch kostengünstige Angebote zu kreieren.
   Nachfrage: Wie erfolgreich sind eigentlich die fleischlosen Offensiven in der Armee? Sollen die Soldatenstuben, Truppenkantinen und Offiziersmessen künftig auch vegetarische und vegane Menüs als wirksame Waffe gegen Krankheit, Hunger und Umweltzerstörung anpreisen? Eine entsprechende Anfrage liess der "Schweizer Soldat" unbeantwortet. Damit bleibt letztlich unklar, ob das Militär im Feld zwar das Töten des Feindes übt, sich aber auf dem Teller mit abgeschlachteter Kost schwertut.

#4 Gedopte Fotovoltaik. Eine Forschungsgruppe von Berkeley und der ETH Lausanne hat eine kostengünstige Solarzelle aus einem neuartigen Materialmix entwickelt. Bislang werden Siliziumzellen „gedopt“, das heisst: man schleust fremde Atome in den Werkstoff ein, um die Halbleitereigenschaften der Zelle zu steuern und zu verbessern. Das „Doping“ erhöht zwar den Wirkungsgrad, ist aber ein teurer Arbeitsschritt. Die neue, billigere Zelle besteht aus hauchdünnen „ungedopten“ Materialschichten, wodurch ein Wirkungsgrad von 20 Prozent wie bei den „gedopten“ erreicht wird (20 Minuten, 29.01.). Eingeschaltet ins Forschungsprojekt sollen jetzt auch materialtechnisch ausgebildete Psychiater und Drogenfachleute werden, wie informierte Kreise am Lac Léman wissen. Grund: Weil die EPFL-Solarzelle grundsätzlich "auf Entzug" funktioniert, und das verwendete Silizium eigentlich süchtig nach „eingedopten“ Atomen lechzt, droht die Effizienz des neuen Fotovoltaik-Konzepts langfristig ohne Gegenmassnahmen wieder abzusacken.

Und noch dies: AKADEMISCHE INTERESSENKETTE. (1) Öffentliche Wissenschaftsinstitutionen wie Universitäten und Forschungszentren verfolgen klare Interessen: Reputation steigern, Rankingposition verbessern und mehr Geldmittel eintreiben. (2) Aber auch die Forschenden sind fixiert auf ihre Anliegen: Karriere fördern ("publish or perish") und eigene Forschungsgelder hereinholen (fürs Team, Institut). (3) Ebenfalls nicht neutral sind die Berichterstattenden in den Medien: Wissenschaftsjournalisten kochen ebenso ihr egozentrisches Süppchen. Es geht ums Prestige des Themas, das Abfeiern und Hofieren von Informanten sowie um unkritische, bequeme und applausträchtige Verlautbarungsberichte über Forschungsprojekte (ohne Zweitmeinung, keine Einbettung). Ich höre die Einwände: Simplifizierender Nörgler, Beispiele bitte! Nur kurz, zu (1): Wie die Universität Zürich die mangelhafte Betreuung von Doktoratsarbeiten von Christoph Mörgeli verschweigen wollte (NZZ/TA, 10.02.). Zu (2): Der ETH-Topbiologe Olivier Voinnet hat in seinen zahlreichen und beachteten Publikationen wiederholt Abbildungen manipuliert, nun muss er namhafte Auszeichnungen wie die Gold Medal der Europäischen Molekularbiologie-Organisation zurückgeben (TA, 08.02.). Zu (3): Mannigfaltigen Anschauungsunterricht für mehr oder weniger "befangenen" Journalismus liefern all die Wissensbeiträge in Presse und online. Mach den lehrreichen Check!

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Januar 2016, zum Jahresbeginn - WÜNSCHE UND SUKKURS ÜBERALLHIN. Das Jahr hat optimal begonnen. Ich gratuliere Polo Hofer zu seinem Preis als "Schweizer des Jahres" (endlich ein ausgezeichneter Kiffer), bewundere Christoph Blocher für seine Albisgütli-Rede über die hiesige diktatorische Politik (eine stets verschwiegene Wahrheit), finde es grosszügig, dass der Bund den hier eintrudelnden Flüchtlingen von ihrem Vermögen noch ein Sackgeld von 1‘000 Franken überlässt, unterstütze (ein unbestreitbares Déja-vu) ETH-Ratspräsident Fritz Schiesser, der für seine eidgenössischen Bildungs- und Forschungsanstalten stramm mehr Geld verlangt (Vorschlag: aus dem Topf des eingetriebenen Flüchtlingsgeldes, das sind zumindest 200‘000 Franken jährlich), bin angetan vom leider verspäteten Gegenvorschlag (Scheiteltunnel unter Passhöhe) der Bauingenieur-Legende Christian Menn (war mein ETH-Prof) zur 2. Gotthardröhre (daher am 28. Februar ein NEIN, obwohl chancenlos), habe Freude an den vielen faulen Störchen, die statt im weiten Süden auf nahrungsergiebigen Abfallbergen in Spanien überwintern (nachhaltiges Energiesparen, neue Forschungsfragen) und zu guter Letzt bin ich eindeutig Fan der kiffenden (siehe Polo Hofer) und teilweise koksenden WK-Soldaten, die die Selbstdarsteller am vollmundigen WEF in Davos bewachen sollten. Eingeteilt sind die zwölf angezeigten WEF-Gardisten natürlich in einem Tessiner Bataillon. Tja, da sollen aber bitte keine Vorurteile von Deutschschweizer Mustersoldaten mits(chw)ingen.

GUT AUFGESTELLT UND AUSGELAGERT. Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, die Schweiz ist ein Land mit Visionen. Das bestätigte auch unmissverständlich der neue Bundespräsident Johann Schneider-Ammann in seiner Neujahrsansprache: "Wenn es ringsum brodelt, tut man gut daran, sich auf seine Stärken zu besinnen." Wir seien als Nation top innovativ und kompetitiv. Angesichts der rumorenden Weltlage war es tröstlich vom obersten Landesvater aus Langenthal weiter zu vernehmen: "Die Schweiz steht gut da!" Da kann man eigentlich nur freudig aufs 2016 anstossen, sind wir doch wahrhafte Tausendsassas und lassen unsere Wohlstandsprodukte samt Sozial- und Umweltschäden im Ausland herstellen. Auch der Klimaschutz soll politisch ausgelagert werden, damit wir folgenlos weiterkutschieren können wie bisher. Zweifellos wird das unsere Spitzenposition bei Innovation und Wettbewerbsfähigkeit festigen, eine schlichtweg meisterhafte und visionäre Leistung. Hat da jemand etwas von internationaler Solidarität gerufen? Miesepeter!

GRAUE ENERGIE, IM WAHRSTEN SINNE. Wo denn altern? Den Lebensabend verbringen? Urban, umringt von Menschen, Restaurants, Kinos, Theatern und Betriebsamkeit? Oder auf dem Land, in schöner Natur, Ruhe und Abgeschiedenheit? Im Nebel oder an der Sonne? An der Wärme oder in der Kälte? Im Süden oder Norden? Im Chalet oder Hotel? Im Appartement oder Resort? Oder alles abwechslungsweise und saisonal? Reale Fragen mit höchst privilegierten Optionen. Für viele Schweizer Pensionärinnen und Pensionäre (wie mich) von Belang, der Handlungsspielraum ist weit. Soll man das Altern auch ins Ausland verlagern? Wie es erfolgreich bei unserer Warenproduktion und dem Klimaschutz geschieht? Die Graue Energie bekommt damit ihren buchstäblichen Sinn. So lange Finanzen, Gesundheit und Beziehungen mitspielen, ist das zweifellos eine verführerische Variante.

KANARISCHER KATHOKAPITALISMUS. Immer wieder erstaunt es, wie raffiniert der Katholizismus den Kapitalismus einspannt. Oder auch umgekehrt. Von der gepredigten Nächstenliebe ist es manchmal nicht weit zu einträglichen Geschäftsgebaren. Normalerweise erhebt ja eine Kirche (wie übrigens auch buddhistische und hinduistische Tempel) kein Eintrittsgeld, das Gotteshaus soll allen Gläubigen und Ungläubigen gratis offenstehen. So will es die Tradition, doch diese ehrbare Sitte gilt nicht in Las Palmas. In der Metropole auf Gran Canaria kostet der Besuch der Kathedrale Santa Ana drei Euros, verbunden mit der Visite des angrenzenden Diözese-Museums - ein simpler Trick, um die zahlreichen und zahlungswilligen Touristen zu belangen. Der imposante Kathedralenbau, ein Stilmix von Gotik bis Neoklassizismus, steht dem katholisch-kanarischen Fussvolk bloss frühmorgens und ab abends 17 Uhr kostenlos für religiöse Verrichtungen zur Verfügung. Auch die katholische Kirche übt sich (trotz päpstlichen Gegenappellen) immer wieder in der Klassengesellschaft.


Fünf Weihnachtsbeiträge, die auf der Aktualität in der Adventszeit basieren, stehen (parodistisch) für den neuen konstruktiven Journalismus. Ein kleiner Schönheitsfehler hat indes die zuversichtliche mediale Bescherung: Einzelne Fakten und Zitate wurden weder dementiert noch konnten sie (trotz intensiver Recherche) bestätigt werden.

1  PARADIGMENWECHSEL BEIM KLIMASCHUTZ. Der Weltklimagipfel in Paris durfte keinesfalls scheitern, zu viel Prestige stand für Frankreichs Regierung auf dem Spiel. Mit viel PR-Getöse wurde daher der neue UNO-Klimavertrag am 12. Dezember als "historische Wende" gefeiert. Das darin angepeilte Ziel, eine Erwärmung der Erde von zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu verhindern, ist zwar löblich, aber angesichts der energetischen Realität illusorisch und unverbindlich, weil es durch keine griffigen Massnahmen gestützt wird.
   Hinter den Kulissen hat sich deshalb eine kleine Gruppe von Pionier-Ländern gebildet (die Schweiz ist dabei), die unkonventionelle Pfade beschreiten und erstmals an den Machtverhältnissen und Strukturen in der Energiewirtschaft schrauben will. Dabei sollen die Energieunternehmen Abgaben entrichten, die ebenfalls die externen Kosten der erzeugten Elektrizität und Wärme decken (d.h. die Folgekosten für Mensch und Natur). Auch die Treibstoffpreise sollen künftig sämtliche Risiken und Schäden für Gesundheit und Umwelt einschliessen, die der Verkehr verursacht. Dieser Plan sei in den nächsten 10 bis 15 Jahren global zu realisieren, um das Zwei-Grad-Ziel zu garantieren, heisst es in einem Communiqué.
   Die Wissenschaft stellt sich kämpferisch hinter die einschneidenden Forderungen; sie hat eingesehen, dass Appelle ans ökologische Gewissen und die Vernunft der Menschheit überhaupt nichts bewirken. Solche Mahnrufe (selbst von Nobelpreisträgern) verpuffen sofort – dies aber immerhin klimaneutral.

REUMÜTIGE WISSENSCHAFTLER. Drei hochrangige Forscher, unter ihnen der Leiter des Medizinischen Instituts der Universität von Colorado, haben ihre Honorare von insgesamt zwei Millionen US-Dollar einer Stiftung für Gesundheitsprävention überwiesen. Die Vergütungen erhielten die Wissenschaftler von Coca-Cola und zwar für Studien, die den direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Süssgetränken und der epidemischen Zunahme von übergewichtigen und diabeteskranken Menschen verneinten. Weil die befangenen (und vermutlich manipulierten) Untersuchungen in den Medien publik wurden, musste die Forschungschefin von Coca-Cola Ende November ihren Stuhl räumen. Sie hat die Wissenschaftler einschlägig beauftragt und gebührend honoriert.

3  REINE LUFT FÜR IMMER. Die gesundheitsschädigende Luftverschmutzung ("Airpocalypse"), die die 22 Millionen Bewohner Pekings in den letzten Wochen heftig plagte, konnte nachhaltig beendet werden. Innert zehn Tagen wurden (in 24-stündiger Schichtarbeit) 20 Grossanlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien wie Sonne, Wind und Biomasse gebaut, die die fossil befeuerten Kraftwerke in der chinesischen Hauptstadt energetisch problemlos kompensieren. So konnten die Behörden kurzweg sämtliche Kohlekraftwerke wie auch alle umweltverschmutzenden Fabriken stilllegen. Ein erlösender Wind blies kurz danach den beissenden, giftigen Smog für immer weg. Als nächster Schritt soll nun die totale Elektrifizierung des Verkehrs erfolgen.

UMWELTDESASTER REPARIERT UND BEZAHLT. Das Ökosystem des Rio Doce (süsser Fluss) im Südwesten Brasiliens hat sich weitgehend erholt, auch wurden die Schäden in Milliardenhöhe durch die Verursacher (Minenindustrie) bereits grösstenteils beglichen. Nach dem Dammbruch in einer Eisenerzmine am 5. November ergoss sich eine rotbraune, giftige Schlammbrühe in den Fluss und verschmutzte das Wasser auf einer Strecke von 700 Kilometern bis zur Mündung in den Atlantik. Fische, Vögel und Kleintiere trieben tot im Wasser. Im Rio Doce, der zwei Millionen Menschen Trinkwasser liefert, gab es vorerst kein Leben mehr.

GESTE DER SOLIDARITÄT. Die ETH Zürich hat sich entschlossen, das Polytechnic of Namibia mit Wissenstransfer zu unterstützen (siehe übernächsten Bericht #2). Die junge Universität (abgekürzt NUST) in der Hauptstadt Windhoek kämpft mit unzureichenden Finanzen, könnte aber die Bemühungen des Landes für eine nachhaltige Entwicklung durch Know-how-Input vorantreiben. Im Vordergrund stehen Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien (das sonnenreiche Namibia konsumiert praktisch nur Kohlestrom) und der Aufbau der Landwirtschaft (95% der Nahrungsmittel werden aus Südafrika importiert). Mit dieser Zusammenarbeit wolle die ETH Zürich ihrer „verwandten“ Hochschule im südwestlichen Afrika eine kleine Geste der Solidarität und Kollegialität erweisen, wird der ETH-Delegierte für Nachhaltigkeit zitiert.

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Kürzlich drei Wochen in Namibia, wo ich am Polytechnic im Einsatz für B360 wiederum Freiwilligenarbeit in der Wissenschaftskommunikation leistete (Workshops, Beratung). Sieben Beiträge zeigen, dass das ferne Land im südwestlichen Afrika weit mehr mit der Schweiz verknüpft ist als gemeinhin vermutet.




#1 SCHLECHTE STARTBEDINGUNGEN - November 2015. Das Polytechnic of Namibia wird demnächst 20-jährig; die junge, öffentlich finanzierte Hochschule in der Hauptstadt Windhoek erhielt nach langem Ringen im Parlament letzthin den Status einer Universität und heisst nun Namibia University of Science and Technology (NUST). Die Startbedingungen sind aber sehr ungünstig, hat doch die Regierung aufgrund des defizitären Staatshaushalts die Unterstützungsbeiträge an die NUST um 30% gekürzt. Für die 13'000 Studierenden und die 750-köpfige Belegschaft eine schmerzhafte Einschränkung, da es der Universität drastisch an Infrastruktur (Büros, Labors, Computer, Cafeteria, Mensa, Sportanlagen) und an Geld für zusätzliche Dozierende mangelt (Überlastung mit Studierendenbetreuung, keine Zeit für Forschung).

#2 KEINE SOLIDARITÄT MIT URENKEL. Im Gegensatz zu ihrem "Urenkel", dem Polytechnic in Windhoek, sitzt die ETH Zürich auf einem prallen Geldbeutel; das ehemalige Zürcher Polytechnikum (vor 160 Jahren gegründet) ist heute berühmt, privilegiert und verwöhnt. Eine Geste der Solidarität wäre angezeigt, aber keine Spur davon. Als der Rektor des Polytechnic im vergangenen Sommer die ETH besuchte, konnte er sich über verschiedene Forschungsprojekte informieren, wobei er Interesse für eine Zusammenarbeit zeigte. Gerade Themen wie Energie, Klimaschutz und Ernährung könnten eine nachhaltige Entwicklung fördern, worauf ich den ETH-Delegierten für Nachhaltigkeit ansprach. Als Vermittler schilderte ich ihm die Situation in Namibia und der neugeborenen Universität, doch der Professor (ein bekannter Klimaforscher) liess (trotz mehrmaliger Nachfrage) nix mehr von sich hören. Dabei besässe die reiche ETH Zürich die erforderliche Expertise, um ihrem finanzschwachen "Urenkel" zumindest eine bescheidene Anschubunterstützung (durch Wissenstransfer) zu bieten. Das hätte eine gewichtige  und entscheidende Wirkung (auch bildungspolitisch) und käme (langfristig) ganz Namibia zugute. Denn …

#3 KOHLESTROM IM SONNENLAND. Namibia erzeugt bloss 40% seiner Elektrizität selbst, vorwiegend in fossil befeuerten Kraftwerken (Schweröl, Kohle); die wenigen Wasserkraftanlagen liefern infolge der zunehmenden Dürrephasen unzuverlässig Strom, Blackouts sind an der Tagesordnung. 60% des Stroms werden importiert, hauptsächlich aus Südafrika, meist produziert in Kohlekraftwerken. Demgegenüber scheint in Namibia an 300 Tagen ununterbrochen die Sonne, im Süden bläst ein starker Wind und auch Biomasse in Form von verdorrten Büschen ist reichlich vorhanden. Der Aufbau einer Energieversorgung mit erneuerbaren Quellen bietet sich an, besonders in ländlichen Gegenden, die nicht ans Elektrizitätsnetz angeschlossen sind. Die ETH Zürich forscht im Rahmen der helvetischen "Energiewende" an dezentralen "Energy Hubs", die verschiedene Energieträger nutzen und auch "off-grid" funktionieren. Solche Anlagen könnten ebenfalls optimal in Namibia eingesetzt werden.

#4 MASSNAHMEN GEGEN LANDFLUCHT. In Namibia sind die Nahrungsmittelproduktion wie auch die verarbeitende Industrie für dort gewonnene Rohstoffe völlig unterentwickelt. Das Land importiert 95% seiner Lebensmittel aus Südafrika, auch die Diamanten werden fast ausschliesslich in Johannesburg, Durban und Kapstadt geschliffen, andere Rohstoffe wie Gold, Kupfer, Zink (Glencore) andernorts verwertet. Grotesk, aber wahr: Frische Fische (von bester Qualität) werden im namibischen Atlantik gefangen, in Südafrika in Konservendosen gezwängt und danach wiederum in Namibia verkauft. Der Grund dafür: Die grossen Lebensmittelverteiler (Supermärkte) sind fest in südafrikanischer Hand, auch die Minen gehören ausländischen Konzernen (De Beers, Areva, China General Nuclear Power Corporation, Glencore in Zug).
   Die Kleinproduzenten von Nahrungsmitteln wie auch verarbeitende Firmen haben folglich keine Chance mitzumischen - oder sie würden sich zusammenschliessen und z.B. in der Fischindustrie und der Landwirtschaft (Getreide, Gemüse) das Verteilmanagement selbst an die Hand nehmen (d.h. konstante Lieferungen und hohe Qualität garantieren). Auch die namibische Verarbeitungsindustrie könnte mit einem Zusammenschluss von KMUs gefördert werden und sich entwickeln. Das würde der jungen Nation einen enormen wirtschaftlichen und ökologischen Mehrwert bringen und zudem die Abwanderung vom Land in die Städte bremsen. Die ETH Zürich (NADEL) hat Erfahrung beim Aufbau einer Plattform zum Zusammenschluss von Bauern bzw. Kleinproduzenten im Globalen Süden und könnte sicher Support bieten. Eine Möglichkeit für die hehre Hochschule, sich etwas von helvetischen Wohlstandsproblemen zu lösen, wo man aufwendig für perfekte Lösungen an den letzten "Millimetern" herumschraubt. Auch die demonstrativ "grüne Rhetorik" der ETH hinsichtlich Nachhaltigkeit würde durch ein Engagement in Namibia griffiger und glaubwürdiger erscheinen.

#5 TOWNSHIPS, TOURISTEN UND TABUS. In Namibia leben 2,3 Millionen Menschen auf einer Fläche mehr als doppelt so gross wie Deutschland. Die Hauptstadt Windhoek zählt 450'000 Einwohner, doch abends um 7 Uhr ist das Zentrum ausgestorben. Drei Viertel der Windhoeker wohnen nämlich im 10 km entfernten Stadtteil Katutura, einer Township mit Wellblechhütten und mangelhafter Hygiene. Dort kommt abends die Stimmung in Bars und Discos laut hoch, während in den reichen, eingemauerten Wohnvierteln Grabesstille herrscht. Namibia, ein junger Staat von 26 Jahren, ist eine bisher stabile Demokratie (90% Christen), was auch dem Tourismus zugutekommt. Rund 1,3 Millionen Touristen reisen jährlich in die südwestafrikanische Nation, Tendenz steigend. Darunter sind mehr als 15'000 Schweizerinnen und Schweizer; unser Land rangiert hinsichtlich Besucherzahl auf dem siebten Platz.
   Die ausländischen Gäste finden hier tolle Landschaften, wilde Tiere und hohen Komfort. Was den Namibiareisenden jedoch meistens entgeht, ist die immense Kluft zwischen Arm und Reich. Namibia hat den höchsten Gini-Index weltweit, ein Mass, das die Unterschiede bei Einkommen und Vermögen ausdrückt (Namibia liegt noch vor ärmsten Staaten wie Sierra Leone oder Guatemala). Einerseits fallen im Zentrum Windhoeks die vielen Luxusautos von Mercedes, BMW und Audi ins Auge (manchmal sogar von Lamborghini), auch verkehren zahlreiche protzige Offroader. Nicht so auf der andern Stadtseite, im überquellenden Katutura, wo die einkommensschwache und arbeitslose Bevölkerung haust. Dorthin verirrt sich auch kaum eine Touristengruppe. Die Township ist tabu, in Windhoek werden die störenden Slums (mental) verdrängt. So fragen sich manche Westler zur Apérozeit, wenn die Nacht wie in diesen Breitengraden plötzlich hereinbricht: Wo sind all die Leute geblieben?

#6 KULTURELL EINGEEBNET. In Namibia lebt ein Gemisch aus zehn afrikanischen Völkern (95% der Bevölkerung). Die grösste Gruppe sind die Ovambo, vorwiegend im Norden des Landes zuhause. Daneben sind knapp 5% der Einwohner Weisse, von diesen 100'000 ist ein Fünftel deutscher Muttersprache. Die ethnische Vielfalt zeigt sich ausgeprägt in der Hauptstadt Windhoek, nicht zu übersehen auf der Independence Avenue. Dort begegne ich eines Mittags dieser jungen Frau aus dem kleinen Stamm der Himba, wo eine immer noch ursprüngliche Lebensweise gepflegt wird, ohne Christentum, matriarchalisch orientiert. Die Mutter spaziert barfuss mit ihrem Kind an der Hand durch die belebte Geschäftsstrasse, trägt die typisch eingefetteten Haare, viel farbigen Schmuck und hat wie üblich einen nackten Oberkörper. Die selbstbewusst präsentierte, authentische Tradition ergibt ein eigenartiges Bild im kommerzialisierten Windhoek mit seinen globalisierten Einkaufszentren und glitzernden Diamantenläden. Solch eindrückliche Begegnungen werden verschwinden, die kulturelle und wirtschaftliche Einebnung schreitet auch hier voran.

#7 WIRTSCHAFTLICH GEPLÜNDERT. Namibia ist politisch stabil, die Flüchtlingsproblematik bis jetzt kein Thema. Das betrifft sowohl die Emigration nach Europa wie auch die Immigration aus unattraktiveren afrikanischen Staaten. Damit die Lage anhält, muss der Staat unbedingt in die Erziehung investieren. Darüber sind sich die Kommentatoren in den Medien einig. Doch in Namibia läuft eine fatale Entwicklung, die der Nation weiterhin viel Geld entzieht. Das Land wird zusehends verkauft - hauptsächlich an die Chinesen. Firmen aus dem Reich der Mitte erstehen Grundstücke, um darauf luxuriöse Immobilien und lukrative Geschäftshäuser zu bauen. Chinesische Unternehmen sind beteiligt an grossen Strassenbauprojekten, der Volksrepublik gehört bereits die grösste Uranmine des Landes. Der Profit aus all diesen Geschäften und Rohstoffen fliesst nach Asien (und über Umwege auch in die Schweiz), das so geplünderte Namibia hat das Nachsehen. Die Situation bietet besten Anschauungsunterricht für Neokolonialismus (wie fast überall in Afrika).

HORROR AUF DEM BEIPACKZETTEL - 20.10.2015. Weil mein Cholesterinspiegel dem Hausarzt nicht gefällt, versucht der Doktor seit langem, mir Statine zu verschreiben. Nachdem eine (noch) gesündere Ernährung und zusätzliche Bewegung sowie mein Selbstversuch mit rotem Hefe-Reis (angeblich ein natürlicher Cholesterinsenker) keine tieferen Messwerte brachten, habe ich jetzt kapituliert und Pillen zur "Behandlung von Störungen des Fettstoffwechsels" bezogen. Doch beim Lesen des Beipackzettels überkam mich hinsichtlich Nebenwirkungen das grosse Grausen: "Häufig wurde berichtet über Entzündung des Nasenrachenraumes, Nasenbluten, Gelenk- oder Muskelschmerzen, Muskelkrämpfe, geschwollene Gelenke, Kopfschmerzen, (…) Durchfall, Verdauungsstörungen, Verstopfung und allergische Reaktionen. Gelegentlich berichtet wird über Bauchschmerzen, Haarausfall, Hautausschlag, (…) Sehstörungen, Erbrechen, Ohrensausen, Alpträume (…)." Trotz solcher Androhungen körperlicher Folter nehme ich täglich brav meine halbe Tablette (20 mg), bisher ohne spürbare Nebeneffekte. Altern ist folglich nix für Feiglinge, Fortsetzung folgt.

UMWELTPOLITIK GLEICH MOGELPACKUNG - 18.10.2015. Die Schweiz rutscht nach rechts, eine Minderheit der Stimmberechtigten (48,4%) hat das neue Parlament gewählt. Deutlich gewonnen haben die Rechtspopulisten mit massiver finanzieller und geistiger Unterstützung des Blocher-Martullo-Köppel-Clans, eines Berlusconi-Imperiums nach eidgenössischem Mass. Die Schweiz und ihre Zauberformel im Bundesrat "müsse ein Erfolgsmodell bleiben", sagen die Wahlsieger, und warnen vor der Völkerwanderung in Richtung Europa. Die Verlierer machen sich "ernsthaft Sorgen um die politische Zukunft des Landes", Stichworte dazu sind Europapolitik, Altersvorsorge und Energiewende.
   Umweltthemen werden künftig im Nationalrat einen schweren Stand haben, was sich aber eigentlich im persönlichen Ökoverhalten spiegelt. Das Umweltbewusstsein ist zwar stetig gestiegen, doch nur eine verschwindend kleine Minderheit der Schweizer Bevölkerung hat ihr Benehmen im Alltag entsprechend angepasst. In diesem Sinne ist der Rechtsrutsch ein ehrliches Votum. Die Wahlsieger werden uns somit weiterhin umweltpolitische Mogelpackungen verkaufen, die nirgends greifen und niemandem wehtun. Die meisten Leute wollen sich nämlich ökologisch kundig und sogar engagiert fühlen, ohne es letztlich sein zu müssen.

AGROKONZERN GIBT SICH ALS WOHLTÄTER - 15.10.2015. Am Jahresanlass der Stiftung Swisscontact, wo die Privatwirtschaft als tüchtige Entwicklungshelferin gerühmt wurde, lag auch die Broschüre "Eine Welt. Sechs Verpflichtungen." von Syngenta auf. Der Agrochemiemulti mit Schweizer Wurzeln präsentiert sich darin als unternehmerischer «Gutmensch» und Weltverbesserer. So verpflichtet sich Syngenta, (1) Nutzpflanzen effizienter zu machen, (2) mehr Ackerland zu bewahren, (3) die Biodiversität zu fördern, (4) Kleinbauern Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten, (5) gute Arbeitsschutzpraktiken zu vermitteln und (6) Engagement für jeden Arbeiter zu leisten. Was sich liest, wie die Mission eines humanitären Hilfswerks bzw. einer linksgrünen NGO ist jedoch das Bekenntnis eines streng kommerziell ausgerichteten Monopolisten, der beispielsweise (zusammen mit Monsanto) das weltweite Alleinrecht aufs Saatgut für viele Gemüse hat, Bauern von teilweise schädlichen Pestiziden abhängig (und krank) macht und bekannt ist als Gentech-Hardliner. Aber eben, die globale Propaganda internationaler Konzerne kennt heute weder Landes- noch Schamgrenzen.

BIO SCHRÖPFT DIE MITTELKLASSE - 12.10.2015. Die Schweiz ist reich, doch die Vermögens-Schere geht immer weiter auseinander. Gemäss neustem CS-Report besitzt der Mittelstand hierzulande noch gerade 20% aller landesweiten Vermögenswerte, im gesamten Europa liegt dieser Wert bei 40% (Credit Suisse Global Wealth Databook 2015). Zur wachsenden Kluft zwischen Bedürftig und Begütert trägt auch der Boom biologischer Lebensmittel bei, den etwa die Migros zurzeit kräftig anheizt. Das Bio-Label fällt M-weit ins Auge, bei Gemüsen, Früchten, Milchprodukten, Brotwaren, Fleisch, Fisch und sogar beim Kaffee in den M-Restaurants.
   Der unauffällige, oft unbeachtete Haken dabei: Bioprodukte sind deutlich teurer als konventionelle Lebensmittel, bei Gemüsen etwa bis zu 50%. Bio-Poulet kostet sogar das Doppelte. Das geht ans bereits gebeutelte Portemonnaie. Und weil der Mittelstand wegen seiner Eskapaden (Fernreisen, Vierradantrieb, Fleischverzehr) ein schlechtes Umweltgewissen hat und mit dem ökologischen Einkauf (sprich: Bio) Ablasshandel betreibt, muss er dafür mehr hinblättern und kann weniger Vermögen anhäufen. Das Ökobewusstsein hat seinen Preis, der (bis jetzt) aufs Einzelwesen abgewälzt wird. Die Kostenlüge für umweltbelastende Produkte lässt nach wie vor grüssen.

PEER REVIEW (3): Auf die akademischen Plätze, fertig los! - 05.10.2015. Gemeinsam lobbyierten sie kürzlich in Brüssel, damit die Schweiz (trotz angenommener Initiative zur Masseneinwanderung) weiterhin bei EU-Forschungsprogrammen mitwirken darf. Getrennt hingegen schlachten sie jeweils die Rankings aus, wo die beiden Bundeshochschulen stetig nach vorne rücken und die kantonalen Universitäten weit hinter sich lassen. Die ETH-Präsidenten Lino Guzzella (Zürich) und Patrick Aebischer (Lausanne) können sich der Gratulationen kaum erwehren. Erstmals klassiert sich mit der ETH Zürich beim THE- wie auch QS-Ranking eine Universität in den Top Ten (9. Platz), die ausserhalb Grossbritanniens und der USA liegt. Doch die jüngere "Schwester" ennet des Röstigrabens holt auf und macht gegenüber dem Vorjahr immer wieder einige Ränge gut. Nun thront die EPFL auf den Positionen 14 (QS) und 31 (THE), was die Romandie als Fan von Aebischers Wirken hoch erfreut.
   Weniger toll sieht es beim Shanghai-Ranking aus, der ältesten Bewertung von Universitäten (seit 2003, heisst neu ARWU). Hier zählt vor allem die Zahl der Nobelpreisträger: Die ETH Zürich pendelt seit langem um den 20. Platz (21 Nobelpreise), die EPF Lausanne (ohne NP) liegt abgeschlagen im Positionsbereich 100 bis 150. Das kann sich vielleicht ändern, wenn Stockholm diese Woche die diesjährigen höchsten akademischen Auszeichnungen verkünden wird. In den Startpflöcken sind die Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz (Physik, Uni Genf) sowie der Solarzellenforscher Michael Grätzel (Chemie, EPFL). Man ist gespannt, wartet doch die Schweiz seit 2002 (Kurt Wüthrich, Chemie, ETHZ) umsonst auf einen noblen Laureaten (fällig wäre auch die erste CH-Laureatin). Um das lädierte Selbstbewusstsein des Landes zu stärken, braucht es ja nicht unbedingt die SVP.

Migrationsströme zwischen NORD und SÜD (Cartoon von Arcadio Esquivel)

Migrationsströme

NEP INS SCHWEIZER PARLAMENT - 19.09.2015. "Expertise für den Export!" Mit dem Slogan wirbt die NEP um Stimmen. Die Neue Export Partei setzt sich zum Ziel, den Wissenstransfer ins Ausland zu unterstützen. Keine andere politische Gruppierung beschäftigt sich damit. Hochwertige Erkenntnisse aus Schweizer Hochschulen und Wirtschaft sollen weltweit angewendet werden, beispielsweise für die interdisziplinäre Städteplanung in São Paulo, Johannesburg und Jakarta, für erneuerbare Energietechniken in ländlichen Regionen von Namibia, Brasilien und Nepal, für eine AKW-Sicherheitskultur in den zahlreichen neuen Reaktoren von Russland, Indien und China, für klima- und krankheitsresistente Nutzpflanzen in Mexiko, den Philippinen und der Ukraine.
   Und wer soll das bezahlen? Ein globaler Markt mit fairen Preisen, die das Verursacherprinzip einbeziehen, kann das problemlos regeln. Utopist! Und seit wann gibt es eigentlich diese NEP? Seit 2030, als die Schweizer Industrie (ausser Pharma und Medizintechnik) völlig darnieder lag und das Land zum blossen Gesundheits-Megapark für Senioren wurde. Innovationen fürs Greisenalter? Nein, danke: Der Braindrain junger, bestens ausgebildeter Fachkräfte war kaum aufzuhalten. Kaffeesatzleser! Mag sein, aber ich wähle NEP.

PEER REVIEW (2): Ahnungslose Jungforschende - 17.09.2015. Martin Vetterli schreibt im hauseigenen SNF-Magazin "Horizonte" (Nr. 106) ein Plädoyer über die "produktive Unwissenheit" der Nachwuchswissenschaftler. Der Präsident des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) beklagt bitter, dass die Wissenschaft heute jungen Forschenden viel zu wenig Platz biete, damit sie ihre "unschuldige Unkenntnis" für Innovationen und Entdeckungen einsetzen könnten. Die Alten seien in der Akademia in massiver Überzahl.
   Allerdings verschwendet Vetterli, notabene mit schlohweissem Haar, kein einziges Wort darüber, mit welchen Massnahmen dieses Malaise zu beseitigen wäre. Damit bleibt der EPFL-Professor seiner Argumentation treu und lässt die wenigen Jungforschenden weiterhin ahnungslos zurück. Aufgrund ihrer Ignoranz vermögen sie (gemäss Vetterli) in Labors und Studierstuben ja auch kreativer zu wirken. Und überdies wissen diese unerfahrenen "hellen Köpfe" noch nicht, dass Universitäten als älteste Bildungsinstitutionen der westlichen Welt unerbittlich (trotz gegenteiliger Beteuerungen) am Bestehenden festhalten.

PEER REVIEW (1): Sanfte Softwaremedizin - 12.09.2015. Ab 2017 sollen an der ETH Zürich neben den Allmächtigen in Physik und Chemie auch Götter in Weiss ausgebildet werden, allerdings nur auf Bachelor-Stufe. Damit will man dem Ärztemangel in der Schweiz, aber ebenso der rasanten Technisierung in der Medizin begegnen. Intelligente Software werde eigenständig Krebswucherungen auf Röntgenbildern erkennen können. Diese diagnostische Zukunftsmusik schilderte ETH-Präsident Lino Guzzella exemplarisch-exklusiv der NZZ (12.09.).
   Solche Fortschritte, publiziert in namhaften Journals, rücken die rüstige ETH fraglos wieder um einige gesundheitsfördernde Rankingplätze nach vorne. Vermutlich vermögen programmierte Roboter künftig auch die entdeckten Tumoren besonders schonend zu entfernen, ohne jegliches ärztliches Zutun. Die dadurch entlasteten Doktoren werden für ihre Patienten also wieder viel mehr Zeit haben. Heilsame, betäubende Aussichten!

EINSPRUCH AUS DEM ELFENBEINTURM - 25.08.2015. Die gestern lancierte Initiative von über 40 ETH-Professoren für ein Verbot von Ölheizungen im Kanton Zürich ist zu begrüssen. Endlich mischen sich auch Experten aus der renommierten Hochschule in die Klimadebatte ein. Weit mehr Gewicht hätte der Vorstoss, wenn ebenso die ETH-Schulleitung sich dazu äussern würde. Jetzt kann man die „Herren Professoren“ als "gutverdienende, blauäugige Besserwisser“ abtun, wie die vielen Kommentare auf den News-Portalen zeigen (die Klimaskeptiker haben sich da schnell eingenistet).
   Um den Klimaschutz voranzubringen, braucht es ein professionelles Lobbying. Dieser Prozess muss aufgebaut werden und ständig (pro)aktiv sein, um zu gelingen. Einzelaktionen wie die aktuelle Initiative sind zwar für einige Tage in aller Munde, doch in der Öffentlichkeit bald wieder vergessen. Ohne beharrliches Dranbleiben (bedingt harte Knochenarbeit) werden die gutgemeinten Anliegen später von der Politmühle brutal zermalmt. Schade!

ENERGIEWENDE NACH SCHWEIZER ART - 19.08.2015. Derzeit stehen sämtliche fünf Kernreaktoren in der Schweiz wegen Revision oder Reparatur still. Für die einen der Beweis, dass das Land auch ohne Atomenergie zuverlässig funktioniert. Morgens kann jeweils Strom sogar exportiert werden. Nachmittags hingegen kommt die Energiewende, und es frohlocken die andern: Die Schweiz muss auf Importe zurückgreifen und fremde Elektrizität einkaufen. Dabei handelt es sich vornehmlich um Atom- und Kohlestrom aus der EU. Der energetische Spagat gehört damit endgültig zur helvetischen Volksgymnastik.

AUFMUCKEN STATT GEHORCHEN - 17.08.2015. Endlich hat jemand den Mut gefunden, eine "Schule des Ungehorsams" zu gründen. Der finnische Künstler Jani Leinonen will im Museum für moderne Kunst in Helsinki den Kindern beibringen, wie man Widerstand leistet und abgepackte Wahrheiten in Schulbüchern, Medien oder auf der Cornflakes-Packung hinterfragt.
   In Workshops und Seminaren sollen Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen während fünf Monaten lernen, aus der Mühle der Disziplinierung herauszukommen. Betreut werden sie von einer bunten Lehrerschaft, mit dabei sind etwa eine lutheranische Pastorin und ein bärtiger Rapper (TA, 17.08.). Der "Lehrplan 21" in der Schweiz, der ebenso eine moderne Pädagogik verfolgt, hört sich dagegen an wie ein Bildungsprojekt aus dem finstern Mittelalter.