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Die imposante Skyline von Hongkong ist nach den Regeln von Feng Shui gestaltet.

CHINA ANTE PORTAS - Hongkong bietet Globalisierung pur. Ungleichheit, Übertourismus, 5G und Anweisungsdichte werden bald auch die Schweiz beschäftigen.

Good luck! Anfang Februar hat das chinesische Jahr des Schweins begonnen. Der Neujahrstag wurde ausgiebig gefeiert. In Hongkong lockte der Umzug Hunderttausende auf die Strassen, wo sie die bunte Parade begeistert beklatschten. Das Schwein ist klug und bringt Glück, es verspricht Wohlstand und Fortschritt. So sehen es zumindest die Chinesen, die in den zahlreichen Tempeln ihre Götter mit brennenden Räucherstäbchen inbrünstig um Gesundheit und Vermögen (health & wealth) baten, ein erstaunlich abergläubisches Volk.
  Hongkong ist seit 1997 eine Sonderverwaltungszone von China und geniesst aus der vorherigen Zeit als britische Kronkolonie (noch) gewisse Vorrechte bei Steuern und politisch-wirtschaftlicher Autonomie (siehe Ergänzung Nr. 1, hinten aufgeführt). Doch der starke Arm von Peking rückt näher, augenfällig etwa bei der Transportinfrastruktur. So wurden im vergangenen Herbst die 55 km lange Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke wie auch eine Schnellbahnverbindung zwischen der chinesischen Hightech-Metropole Shenzhen und Hongkong eröffnet. Die Waren- und Menschenströme aus dem chinesischen Festland sind seither stark angeschwollen.

Mächtiger Hub für Finanzen und Hightech
Das Gebiet mit elf Grossstädten an der Mündung des Perlflusses ins südchinesische Meer soll zu einem übermächtigen Hub für Finanzen, Technologie und Handel werden, wie kürzlich ein Entwicklungsplan aus Peking darlegte (South China Morning Post, 19/02). Dabei soll Hongkong eine führende Rolle spielen; viele Ansässige sind aber misstrauisch gegenüber dem ehrgeizigen, vollmundig angekündigten Vorhaben (25/02).
  Die vibrierende Wirtschaftsmetropole zählt 7,5 Millionen Bewohner und ist extrem dicht bevölkert (6'500 Menschen pro km2, Schweiz: 215). Die Folgen der Globalisierung sind unübersehbar, so schreitet die Gentrifizierung einzelner Bezirke unaufhaltsam voran. Die Stadt ist eine lärmige Riesenbaustelle. Wohnungen in den zentralen Quartieren sind für Normalverdienende unerschwinglich geworden. In hübsch gelegenen Bezirken wie Kennedy Town oder Stanley kostet ein relativ kleines Apartment (unter 100 m2, ohne Meerblick) umgerechnet mehrere Millionen Franken. Auch in der Schweiz ist die Luxussanierung von Quartieren zu beobachten, am eindrücklichsten in Zürich (z.B. Europaallee, Langstrasse und Seefeld).

Ein Fünftel unter der Armutsgrenze
In Hongkong residieren weltweit (relativ gesehen) am meisten USD-Milliardäre (2). Der Anteil der Superreichen wächst weiter, während ebenso die Zahl der wirtschaftlich Bedürftigen steigt, eine Folge der zunehmenden Überalterung (3). Die Hongkonger haben eine Lebenserwartung, die zu den höchsten der Welt zählt. 
  Rund ein Fünftel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, davon mehr als 100'000 in äusserst prekären Verhältnissen. Mehrere übereinander gelegte, abschliessbare Käfige in einer Wohnung beherbergen da Menschen am unteren Rand der Gesellschaft, dies auf engstem Raum (ca. 2 m2 pro Person). Man nennt sie Käfigleute (cage people). Hongkong weist die global grösste Ungleichheit zwischen Arm und Reich aus (gemessen am Gini-Index). Die Proteste verschiedener Gruppierungen richten sich immer wieder gegen die soziale Ungerechtigkeit, bisher ohne Wirkung (13/02).

Sonntagshöck der Nannys
Einkommensstärkere Schichten hingegen geniessen ein angenehmes Leben. Luxuskarossen (Bentley, Ferrari, Mercedes, BMW & Co.) garantieren den erwünschten hohen Status, ebenso Hunde edler Rassen. Verbreitet in der City sind zahlreiche Nobelboutiquen, Feinkostläden mit westlichen Marken (Lindt & Sprüngli, Emmi, Evian), Weinshops (voll erlesener Flaschen aus Bordelais und Burgund) und noble Schönheitssalons.
  Reichtum beansprucht zwingend auch Serviceleistungen: In Hongkong arbeitet fast eine halbe Million weibliche Haushaltshilfen (maids), je knapp die Hälfte davon kommt aus Indonesien und den Philippinen, wenige Prozente aus Thailand. Sie wohnen bei den reichen und mittelständischen Familien, kochen, servieren, putzen und hüten die Kinder. An ihrem freien Sonntag treffen sich die jungen Frauen in der Innenstadt, mehrere tausend davon im Victoria Park. Dort stellen sie ihre Iglu-Zelte auf und sitzen in Gruppen zusammen, reden, essen, trinken, lachen viel, singen und beten ab und zu. Ein lebhaftes Get-together, die Dienstherrinnen sind weit weg.

Essen als grösstes Vergnügen und zentrales Ereignis
Über alle gesellschaftlichen Klassen hinweg gilt das Essen in China als grösstes Vergnügen und zentrales Erfordernis. Die traditionelle Begrüssung auf Chinesisch enthält denn auch die Frage: Hast du heute schon gegessen? (Ni chi fan le ma?) Die Mahlzeiten sind ein soziales Ereignis, verbunden mit lauter Konversation und Kindergeschrei. Niemand isst eigentlich allein.
  Die vielfältigen Speisen mit Fleisch, Fisch, Meeresfrüchten und Gemüse sind reich an Gewürzen und Zutaten und schmecken vorzüglich. Kein Vergleich mit der hiesigen Fastfood-Chinaküche. Jede chinesische Region ist stolz auf ihre Spezialitäten und Eigenheiten; in Hongkong dominiert die kantonesische Küche, bekannt für ihre milden und leicht süssen Saucen. Die omnipräsenten Esslokale decken alle Geschmäcker und Budgets ab.

Florierende Luxusgastronomie
Auch in der Gastronomie herrscht grosse Ungleichheit (4). Während die billigen Gerichte mit meist fettem Schweine- und Hühnerfleisch sowie Innereien aufwarten, werden in der Luxuskategorie kostbare Abalonen (Meerschneckenart) und die umstrittene Haifischflossensuppe aufgetischt (Tierschützer heulen auf). Doch die reichen Feinschmecker wünschen stets ausgesuchtere Delikatessen (5) – tendenziell auch in unseren Breitengraden, was die einschlägigen Lokale und Gastrojournale widerspiegeln. 
  Die Volksrepublik hat in den letzten Jahrzehnten eine unglaubliche Entwicklung vollzogen. Der Mittelstand ist dramatisch auf (je nach Schätzung) 300 bis 500 Millionen angewachsen und verfügt über ansehnliche finanzielle Mittel, die (wie erwähnt) zu einem beträchtlichen Teil in Statussymbole wie Haus, geräumige Wohnung, Autos, Wein und Auslandreisen investiert werden. So machen sich chinesische Touristen – in grossen und kleinen Gruppen oder im Familienverband – heute in der ganzen Welt bemerkbar. In benachbarten Ländern wie Thailand, Malaysia und Indonesien profitieren sie von den tiefen Preisen, in Honkong vom (für sie) grandiosen Einkaufsangebot mit sämtlichen westlichen Markenprodukten. Auch die Schweiz ist vom Tourismusboom aus der Volksrepublik betroffen: Am Berner Zytglogge kann der Bus jeweils beim Glockenspiel um 12 Uhr kaum mehr passieren, Massen von vorwiegend chinesischen Reisegruppen versperren den Weg.

Übertourismus an Topdestinationen
Prognostiker erwarten in naher Zukunft jährlich weltweit gegen 200 Millionen chinesische Touristen. Allein in Hongkong stieg der Tourismusstrom aus dem Festland-China letztes Jahr um 11,4 Prozent auf 51 Millionen Gäste (01/01). Mit negativen Nebenerscheinungen. Die Topdestinationen sind ganzjährig völlig überlaufen, die Wartezeiten für das historische Tram auf den Victoria Peak hoch über der Stadt betragen mehrere Stunden. In gewissen Quartieren beklagen sich Hongkonger, dass aufgrund des chinesischen Besucheransturms die kleinen Läden durch Shopping-Zentren verdrängt werden und die Mietpreise steigen.
  Übertourismus kennt nicht nur Hongkong, das ein attraktives Stadtbild mit vielen Sehenswürdigkeiten bietet (6). Venedig, Dubrovnik, Bangkok oder die Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha können ein Lied davon singen. Dabei steigen die Ansprüche: Der neue chinesische Tourist will nicht mehr bloss Souvenirs kaufen, die er nicht brauchen kann. Er ist jünger, vermögender und abenteuerlicher als der kommune Massenreisende. Der Trend zu teuren Individualreisen ist ebenfalls in der Schweiz zu beobachten, man denke an die jüngst angebotenen, exklusiven Helikopterflüge in alpine Skigebiete. Oder die neue Excellence Class im Glacier Express samt 5-Gang-Menü und Weinbegleitung.

Vorbildlicher Hongkonger ÖV
Das Wachstum hat seine unschönen Kehrseiten. Der Verkehr in Asien leidet an Dauerkollaps, die Strassen in Shanghai, Manila, Bangkok, Kuala Lumpur und Jakarta sind pausenlos verstopft, für wenige Kilometer sitzt man mehrere Stunden im Wagen, die Luftverschmutzung gefährdet in gefährlichem Ausmass die Gesundheit. Öffentliche Verkehrssystem sind ungenügend ausgebaut oder ineffizient. Das mit seiner ausgedehnten U-Bahn (im Zwei- bis Drei-Minutentakt), den zweistöckigen Trams und Bussen erschlossene Hongkong ist geradezu beispielhaft, die Luftqualität übersteigt hier jährlich «nur» an 60 Tagen die Grenzwerte (07/02).
  Der Energiekonsum für Verkehr und Kühlung ist weiterhin am Wachsen, meist produziert aus fossilen Treib- und Brennstoffen (7). Elektroautos sind noch selten, hie und da sieht man in Hongkong einen funkelnden Tesla. China baut (neben dem Kohlestrom) auch die Kernkraft aus. Insgesamt sind in der Volksrepublik 38 AKWs in Betrieb, 19 weitere im Bau und 39 geplant (Nuklearforum, Stand Angang 2018). Auch im Westen werden neue AKW-Reaktortechnologien angesichts des Klimaschutzes wieder diskutiert. Ein delikates Thema, ideologisch aufgeladen.

Führungsrolle Chinas im Klimaschutz?
In der Schweiz (und einigen europäischen Ländern) bringen die Demonstrationen der Schülerinnen und Schüler für wirksame Massnahmen gegen die Erderwärmung das politische Establishment auf Trab. Auch die Hongkonger Zeitungskommentatoren fordern einen aktiven Klimaschutz, vorzugsweise unter globaler Führung (09/02). Das Klimachaos sei ebenso an der Perlflussmündung angekommen. Die Neujahrstage erreichten einen Wärmerekord, und letzten September wurde Hongkong von einem mächtigen Taifun getroffen, der verheerende Schäden anrichtete.
  Es gibt sogar westliche Stimmen, die China eine führende Rolle bei der Umsetzung des Klimaschutzes zusprechen, zum Beispiel der in Hongkong aufgewachsene, britische Autor John Lanchester (24/02). Ein Grund sei unter anderem das demokratische Defizit, weil in diesem grossen Land grundlegende Veränderungen schneller und effizienter realisiert werden könnten. Gefordert wird Pragmatismus statt Schuldzuweisung (z.B. Klimasünder) wie im Westen, bedingt natürlich die Einführung der Kostenwahrheit, die gemäss Verursacherprinzip möglichst sämtliche Umweltkosten in den Preisen (Energie, Flüge etc.) einschliesst!

Technologische Führerschaft
China ist inzwischen zur zweiten politischen und ökonomischen Weltmacht aufgestiegen und strebt nun die technologische Führerschaft an. Hightech-Konzerne wie Huawei kopieren längst nicht mehr westliche Produkte, Unternehmen aus Shenzhen (30 km nördlich von Hongkong) gelten heute als ebenso erfinderisch wie ihre Konkurrenten im kalifornischen Silicon Valley. Huawei hat den schnellsten Chip für 5G (neuster Mobilfunkstandard) entwickelt und arbeitet bereits mit vielen westlichen Firmen zusammen (z.B. Sunrise und Swisscom). Hongkongs Universitäten zählen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI) zu den weltbesten. Die Angst der USA, dass China beim Internet der Dinge die Nase vorne haben könnte, ist spürbar. Millionen von Jobs sind in Gefahr (09/02). 5G ist mit der Huawei-Affäre zum geopolitischen Zankapfel geworden.
  In Hongkong versteht man das Misstrauen des Westens gegenüber Huawei nicht. Die Verhaftung der Huawei-Finanzchefin in Kanada auf Geheiss der US-Behörden Anfang Dezember wird denn auch als Affront gegenüber der chinesischen Kultur und Mentalität verstanden. China sei nicht primär an Spionage- und Überwachungspraktiken in Zusammenarbeit mit Industriefirmen interessiert, wie sie 2013 der US-amerikanische Whistleblower und ehemalige CIA-Mitarbeiter Edward Snowden in den amerikanischen Geheimdiensten (z.B. mit Cisco-Produkten, BG) enthüllt habe, schreibt der Kommentator (01/02). Vielmehr ginge es der Volksrepublik ums Ausspionieren politischer Oppositioneller.

Chinesischer Big Brother
Die soziale Überwachung (basierend auf KI und 5G) ist denn auch ein heiss diskutiertes Thema. Die Hongkonger befürchten eine graduelle Abnahme ihrer Privilegien und eine ebenso totale individuelle Kontrolle wie auf dem chinesischen Festland. Die Debatte wird erstaunlich offen und ausführlich in der Zeitung geführt. Big brother is watching – and he’s keeping score (Big Brother beobachtet – und er zählt Punkte), titelte die «South China Morning Post» (08/02/2019) einen längeren Artikel über das soziale Kontroll- und Kreditsystem, das in China ab 2020 flächendeckend eingesetzt werden soll (8). Die Redaktion fragte sich, ob das Überwachungssystem in einer Orwellschen Dystopie enden werde oder einfach eine weitere ärgerliche bürokratische Massnahme darstelle. Die Frage blieb auch nach der Auslegung der Argumente offen, die Regierung legitimiert die Überwachung ihrer Bürger mit der Garantie von Sicherheit und Ordnung.
  Das Zusammenleben grosser Populationen auf engstem Raum erfordert zweifellos unzählige Regeln und Verbote. Jederzeit und überall hört, liest und sieht man diese Dos and Don'ts, eindringlich in der Hongkonger Metro: Please mind the gap! – Don’t drink, eat, litter and smoke! Die Vorschriftendichte ist extrem hoch, sie grenzt beinahe an Gehirnwäsche. Unterwegs im öffentlichen Raum werden die Leute stets sanft, aber bestimmt geführt: Always hold the handrail! – Halten Sie immer den Handlauf! Vielleicht müssen wir uns in einer 10-Millionen-Schweiz auch an solch permanente Anweisungen gewöhnen, subtil korrektiv wirken ja bereits all die politischen Korrektheiten (verpönter Fleischkonsum, geächtete Flugreisen, Gender-gerechte Sprache etc.). 

Feindbild China
China ist uns Europäern in vieler Hinsicht fremd, oft auch ein Feindbild. Der helvetische Tunnelblick genügt nicht, um diese Welt in all ihren Facetten zu verstehen. Was in China geschieht, ist hierzulande weitgehend unbekannt, ausgenommen sind Katastrophen, Menschenrechtsverletzungen, militärische Aufrüstung und andere Schreckensmeldungen. Das Korrespondentennetz der westlichen Medien wurde arg ausgedünnt, Hintergrundberichte zum tieferen Verständnis der Volksrepublik (und Hongkong) sind selten geworden.
  Doch China wird für uns weit bedeutender werden. Nicht nur wirtschaftlich und technologisch (mit neuem Huawei-Falthandy), auch kulturell. Wer offen bleibt, findet in der fremden Kultur einzigartige Einsichten, etwa in der traditionellen Medizin (9). Oder im Verhalten der Menschen: Die Chinesen sind beileibe kein Volk der Galanterie, aber spürbar weniger aggressiv, rüpelhaft und erbittert als wir Schweizer. Sie lachen auch mehr, sind fröhlicher. Es herrscht mehr Gleichmut, der in der Öffentlichkeit (nicht privat) in Gleichgültigkeit münden kann. Please mind the gap!, heisst es jeweils beim Ein- und Aussteigen in Hongkongs Metro, damit man zwischen Waggon und Perron nicht ins Leere tritt und sich verletzt. Achtung auf die Kluft!, gilt auch für einen (gegenseitigen) respekt- und verständnisvollen Umgang zwischen dem Westen und China.
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Der Beitrag entstand während eines fünfwöchigen Aufenthalts in Hongkong und anhand der regelmässigen Lektüre der «South China Morning Post» (Ausgabe jeweils in Klammern). Die 1903 gegründete Zeitung gehört seit 2016 der chinesischen Online-Handelsplattform Alibaba, unterliegt aber offiziell nicht der Zensur der Volksrepublik. Eine gewisse Selbstzensur bei kritischen und politisch heiklen Artikeln, die der Staatsführung in Peking nicht genehm sein könnten, ist trotzdem nicht auszuschliessen. Das Blatt (Auflage ca. 120'000) versteht sich als internationales Qualitätsmedium, das der Welt China erklären soll. Seine täglichen Meinungsseiten sind ein intellektueller Lesegenuss. Die Online-Ausgabe (via App) ist kostenlos. Nachfolgend sind einige anekdotische Ergänzungen zum Haupttext aufgeführt.

(1) Eine Nation, zwei Systeme: Charakterisiert offiziell (gemäss dem Reformer Deng Xiaoping) das Ordnungsprinzip Chinas mit einerseits dem neoliberalen Kapitalismus in Hongkong (und Macau) sowie anderseits dem totalitären Staatskapitalismus der Volksrepublik.

(2) Superreiche: Ende 2018 gab es weltweit 2'470 USD-Milliardäre, davon 658 in China und 584 in den USA (Quelle: Hurun Global Rich List, 27/02/2019). In Hongkong haben sich gemäss dem Wirtschaftsmagazin Forbes etwa 70 Tycoons eingenistet (Vergleich Schweiz: 48). Der reichste Mann in der Volksrepublik ist Jack Ma, Chef der Alibaba Group und Besitzer der South China Morning Post, mit einem Vermögen von 39 Milliarden USD.

(3) Altersarmut: Bei den Senioren (Ruhestand für Frauen ab 55, für Männer ab 60) sind laut offiziellen Angaben 30 Prozent unter der Armutsgrenze, Tendenz infolge der Überalterung steigend. Auch in der Schweiz könnte die Altersarmut längerfristig zum Problem werden, wenn auch weniger drastisch.

(4) Übergewicht: Die Hälfte der Hongkonger sind gemäss einer Regierungsstudie übergewichtig, die Hauptgründe sind zu viel Fett und wenig Bewegung (27/02/2019). Auf der Strasse sind aber überwiegend schlanke und normalgewichtige Leute zu sehen, die Korpulenten bleiben wohl eher zuhause. Auffallend sind hingegen die vielen westlichen Junk-Food-Ketten wie McDonald's, Kentucky Fried Chicken und etliche chinesische Varianten davon.

(5) Luxusgastronomie: Die Nachfrage nach Abalonen (Seeohren) steigt rasant, auch der Mittelstand in der Volksrepublik will jetzt die delikate Meeresfrucht auf dem Teller haben. In Südafrika gibt es riesige Abalonen-Zuchten, die billigere Seeohren-Schnecken für den chinesischen Markt liefern. Die chinesische Mafia soll das Geschäft mit dem weissen Gold fest im Griff haben. Eine andere Leckerei ist der hochtoxische Kugelfisch. Chinesische Züchter haben den teuren Fisch in den letzten Jahren vom tödlichen Gift befreit (08/02/2019). In Japan (er heisst dort Fugu) braucht es für die Zubereitung ein spezielles Zertifikat, weil ein Fehlschnitt bei der Zerlegung winzige Giftmengen aus der Leber freisetzen kann, die beim Verzehr sofort tödlich wirken. Jetzt können also die weniger mutigen Feinschmecker das effektiv hauchzarte Fischfleisch (zergeht förmlich auf der Zunge) gefahrlos geniessen. Der Markt boomt ebenso wie derjenige für Abalonen.

(6) Gestörtes Stadtbild: Hongkong entzückt die Besucher mit einem ästhetisch ausgewogenen Stadtbild. Die zahlreichen Wolkenkratzer auf der Hongkong-Insel sind gemäss der Feng-Shui-Lehre architektonisch ausgestaltet und angeordnet worden – mit einer Ausnahme: Die mächtige Bauherrin des 367 Meter hohen Turms der Bank of China mit seinen scharfkantigen Formen widersetzte sich ausdrücklich den taoistischen Harmonieprinzipien. Deshalb hat die Besitzerin des benachbarten Gebäudes, die HSBC (Hongkong & Shanghai Banking Corporation), auf dem Dach zwei Unterhaltskräne wie Kanonen angeordnet und gegen den Bank-of-China-Turm gerichtet. Damit soll die schlechte Energie der Konkurrenzbank, ausgelöst durch das spitze, messerartige Design ihres Wolkenkratzers, ferngehalten werden (16/02). Die Episode (um 1990) verdeutlicht, wie im High-Tech-Hongkong immer noch Tradition respektiert wird. Oder eben auch nicht!

(7) Schiefergas-Gewinnung: Über 1'000 Personen haben letzthin gegen die lokale Regierung in der Provinz Sichuan protestiert (27/02). Grund ihres Unmuts waren verschiedene Erdbeben, die bei der breit angelegten Förderung von Schiefergas (Fracking) in dieser Region auftraten. In die mehrere Kilometer tiefen Bohrlöcher werden mit Hochdruck Wasser und Chemikalien gepresst, was die Bodenstruktur in der Tiefe verändert und (wie bei der Geothermie) Beben auslösen kann. Beim mächtigsten Erdstoss der Stärke 4,9 (sic!) wurden zwei Menschen getötet und 12 verletzt.

(8) Gesichtserkennung: In Hongkong geht die Angst um, dass die Sonderverwaltungszone über kurz oder lang an die kurze Leine kommt und auch hier die öffentliche Gesichtserkennung zur Sozialkontrolle eingeführt wird. Privatfirmen und Spitäler setzen die KI-Technologie schon länger zur Identifizierung von Personal und Besuchern ein (23/02). Die Volksrepublik testet die Überwachungsmethode in ausgewählten Pilotgebieten und wendet sie vermehrt in der Praxis an. Zum Beispiel sollen anscheinend in den Toiletten eines Pekinger Parks diejenigen Benutzer registriert werden, die mehr als 60 cm WC-Papier beziehen (27/07/2018). Damit will man Papierdiebe ertappen und bestrafen. Auch wer bei rot an der Ampel über die Strasse marschiert, soll mit Abzug bei den Sozialkreditpunkten und entsprechenden Konsequenzen rechnen müssen (Reiseverbote, Drosselung der Internet-Geschwindigkeit, Verweigerung eines Studiums etc.). Es gibt aber auch Benefits bei Wohlverhalten wie sozialem Engagement oder ökologischem Verhalten (Tickets für Kulturveranstaltungen, Visumerleichterungen für Auslandreisen etc.). Noch sind Ausmass und Konsequenzen des Sozialkreditpunktesystems weitgehend unbekannt, auch für die Chinesen (und Hongkonger), beste Voraussetzungen für Gerüchte und Fake-News.

(9) Chinesische Heilkunde: Wer sich auf die über 3'000-jährige Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) einlässt, gewinnt neuartige Erkenntnisse über blockierte Energien (Qi) im Körper, welche die Ursache bestehender Krankheiten sind oder neue auslösen können. Die dagegen verschriebene Medizin (Kräuter, Akupunktur, Schröpfen, Massage) strebt eine körperlich-geistige Harmonie an und soll ganzheitlich wirken, anders als der westliche, physische Ansatz mit Blutdrucksenkern, Statinen und Kortison. Pulsmessung und Zungenanalyse sind die wesentlichen Diagnostikmethoden. Grosse, teure Maschinen und Instrumente sind unnötig. Selbstverständlich hat TCM bei bestimmten Krankheiten wie etwa Krebs ihre Grenzen. Als Ergänzung zu unserer digitalisierten, metrischen Schulmedizin ist sie durchaus sinn- und wirkungsvoll.

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IN DER ETH ZÜRICH GÄRT ES, DIE SPITZENHOCHSCHULE STEHT UNTER DRUCK: Ergänzende Informationen dazu (auch konstruktive) bietet die erneut hochaktuelle Publikation mit dem Titel "An den Tisch der Mächtigen! - Streitschrift für einen beherzten Geist der ETH Zürich" (Autor: Beat Gerber, ISBN 978-3-033-05851-4). Bestellung via Mail (siehe Kontakt).

Leseprobe: ETH-Streitschrift
Stimmen zur Streitschrift


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GENIES VON GESTERN, LEBT WOHL! - Nobelpreise ehren längst vergangene Heldentaten. Die Wissenschaft muss sich aber wandeln, verlangt eine neue Streitschrift.

Auch im Jahr 2016 blieb der Schweiz bei den noblen Preisen bloss das Nachsehen. Die letzte dieser höchsten akademischen Auszeichnungen liegt für unser Land bereits 14 Jahre zurück, fürs wissenschaftliche Selbstbewusstsein eine unendlich lange Durststrecke! 2002 erhielt der ETH-Biophysiker Kurt Wüthrich die Chemie-Medaille des Dynamit-Erfinders, seither warten wir jeden Oktober gespannt auf positive Nachrichten aus Stockholm.
   Die 1855 gegründete ETH Zürich wurde früher mit Nobelpreisen geradezu verwöhnt. Bis heute kann sich die Schweizer Spitzenhochschule mit 21 noblen Auszeichnungen schmücken. Statistisch gesehen erhielt durchschnittlich alle sieben bis acht Jahre ein mit der ETH verbundener kluger Kopf die akademische Trophäe, dies für seine meist vor Jahrzehnten gemachte Entdeckung. Und jetzt das nicht gerade noble Loch, ja Vakuum von 14 Jahren (seit 2002), eine leidige Abschlussschwäche!
Verzopfter Geniekult
Ausserdem bläst der Forschung hierzulande ein kühler Wind entgegen, weil aufgrund der unklaren politischen Situation (Personenfreizügigkeit) ein Ausschluss aus den lukrativen EU-Forschungsprojekten droht (Stichwort Horizon 2020). Viele namhafte Wissenschaftler, zahlreiche talentierte Forscherinnen liebäugeln (im Stillen) mit dem Wegzug. Im Weiteren ist die Wissenschaft im Umbruch, bewegt sich weg vom Geniekult, der nur einsame Helden feiert (statt interdisziplinäre Teams). Aufwind haben neue Entwicklungen wie öffentlich verfügbare Daten aus Experimenten (Open Data), Einbezug der Bürger in die Forschungsarbeit (Participation) und rundum zugängliche Publikationen (Open Access).
   Dieser Wandel böte auch der ETH Zürich Chancen, ihren manchmal prätentiösen Geist anzupassen. Die Bildungs- und Forschungsstätte mit typisch eidgenössischem Flair offenbart zwar etliche kosmopolitische Qualitäten, doch ebenso einige Untugenden. Die renommierte Institution könnte weit mehr tun, damit Wissenschaft global gerechter und sozial wirksamer würde. Das Universitätsprofil der Zukunft umfasst ebenfalls Punkte wie das lösungsorientierte Einmischen in wichtige politische Entscheidungsprozesse, die Solidarität mit Universitäten des Südens, die Bewusstseinsbildung im eigenen Hause sowie die Manifestation einer klaren Haltung gegen aussen.
  

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"DOZIEREN STATT REGIEREN" - Nicht veröffentlichter Leserbrief zum gleich betitelten Artikel im Tages-Anzeiger vom 9. September 2016:
Es ist zweifellos verdienstvoll, dass sich auch ehemalige Politgrössen* in der freiwilligen Flüchtlingshilfe engagieren. Wie jedoch der TA über den diesbezüglichen Deutschunterricht der Zürcher Promis berichtet, zementiert den Graben zwischen der Schweizer Bevölkerung und den Asylsuchenden und ist für eine aufgeklärte Zeitung eigentlich skandalös. So zeigt das grosse Bild (oben) hinten aufrecht in bester Laune die Damen und Herren, die früher ihres hohen Amtes walteten und heute als Deutschlehrer wirken. Vorne sitzen etwas beklommen ihre Schüler, allesamt erwachsene Flüchtlinge, jedoch in der Bildlegende nur mit Vornamen erwähnt.
   Das Klassenfoto erinnert an Gotthelfs Zeiten, als die Schulmeister ihren widerborstigen Zöglingen selbstherrlich mit dem Stock auf die Finger klopften. Auch geht es beim Deutschunterricht für Flüchtlinge keineswegs ums "Dozieren", wie der Titel des Artikels ("Dozieren statt regieren") fälschlicherweise unterschiebt. Die freiwilligen Sprachmoderatoren (bin selbst auch einer) sind keine ausgebildeten Lehrer und müssen sich auch nicht an einen starren Lehrplan halten. Beim Unterricht geht es vorwiegend darum, den Flüchtlingen (meist ohne Deutschkenntnisse) den Zugang zur deutschen Sprache zu ermöglichen und ihnen ein situationsbezogenes Überlebens-Deutsch beizubringen. Ein hierarchisches Lehrer-Schüler-Verhältnis im traditionellen Sinn ist da nur hinderlich. Genauso abträglich sind Zeitungsartikel über das Gutmenschentum von bekannten Leuten, worin die betroffenen Flüchtlinge überhaupt nicht zu Wort kommen. Beat Gerber, Zürich
* Monika Weber (ehemalige Stadt-, National- und Ständerätin LdU), Ursula Gut (Alt-Regierungsrätin FDP), Ulrich Gut (ehemaliger Kantonsrat FDP), Josef Estermann (Alt-Stadtpräsident SP)

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Anlässlich des Fussball-EM-Finals vom Sonntag, 10. Juli:
ZAUBERFÜSSE DEKLASSIEREN SUPERHIRNE

Die Fussball-EM beflügelt den Transfermarkt; nach ähnlichen Regeln funktioniert auch die Wissenschaft, finanziell jedoch in der klar tieferen Liga.

35 Millionen Euro! Für die stolze Summe wechselt der erst 18-jährige Renato Sanches nächste Saison von Benfica Lissabon zu Bayern München. Der portugiesische Mittelfeldspieler mit kapverdischen Wurzeln gilt als eine der verheissungsvollsten Entdeckungen dieser Fussball-EM und stand mit Portugal im Finalspiel gegen Gastgeber Frankreich (10.07.). Sein Jahresgehalt in zweistelliger Millionenhöhe (genaue Summe ungenannt) wird zudem mit zahlreichen Bonuszahlungen angereichert. Das Jungtalent Sanches ist nur einer von vielen Starspielern, die sich jetzt Ende der Saison ihre Zauberfüsse vergolden lassen.

Seitenwechsel von den profanen Fussballstadien in die heiligen Hallen der Wissenschaft: Seit Universitäten sich um die vordern Ränge in den wichtigen globalen Rankings streiten, sind in der akademischen Welt die gleichen Verhaltensmuster zu beobachten wie beim Spiel auf dem grünen Rasen. Jede ambitionierte Hochschulpräsidentin, jeder strebsame Unirektor will selbstverständlich die weltbesten Professorinnen und Professoren an die eigene Institution berufen, zumindest diejenigen mit eindrücklichem Publikations-Output und noch wuchtigerem Zitierindex.

Ergraute Häupter vs. Rasta-Frisuren
Solche Transfers von seriösen Superhirnen unterscheiden sich hingegen augenfällig vom schillernden Fussballmarkt. Die akademischen Wettkämpfer (Frauen mitgemeint) sind deutlich älter, meist ergraut und tragen keine Rasta-Frisur wie Ballkünstler Renato Sanches. Die Gelehrten agieren zwar in teuren Labors (aber auch Stadien kosten etwas), doch als Humanressourcen sind sie auf dem Markt wesentlich billiger zu haben. Ihr Jahreseinkommen übersteigt mit wenigen Ausnahmen (in den USA) keine halbe Million Franken, dazu kommen einmalige Transferkosten wie Pensionskasse-Einkauf (kann in der Schweiz ins Geld gehen), die Vermittlung von Wohnung, Schulen für Kinder und Job für Partnerin bzw. Partner. Verglichen mit den traumhaften Salären der Zauberfüsse ist das allerdings ein Klacks, die Superhirne werden geldlich geradezu deklassiert.

Einmal mehr erweist sich die Kombination von Geist und Geld als weniger lukrativ als das leichtfüssige Vergnügen im Fussball. Ein Grund mag sein, dass die Resultate in der Wissenschaft erst mittelfristig wirksam werden, meisterhafte Spielzüge (vor allem der bevorzugten Mannschaft) die Zuschauenden dagegen unverzüglich in vibrierende Begeisterung versetzen. Lässt sich denn jemand wegen Forschungsresultaten spontan zu Gefühlsausbrüchen hinreissen? Kaum, allerdings sind es hie und da die Wissenschaftler selbst, die sich gegenseitig beklatschen, etwa wenn eine ihrer Sonden erfolgreich auf einem fernen Planeten landet (wie jüngst auf dem Jupiter).

Wissenschaft ist für Laien ein nüchternes, oft undurchschaubares Geschäft, das Publikum bleibt weitgehend ausgeschlossen. Laben kann sich eine Nation nur an den Nobelpreisen. Für die Schweiz liegt die letzte dieser höchsten akademischen Auszeichnung bereits 14 Jahre zurück, fürs wissenschaftliche Selbstbewusstsein eine unendlich lange Durststrecke! 2002 hat der ETH-Biophysiker Kurt Wüthrich die Chemie-Medaille des Dynamit-Erfinders bekommen, seither wartet die eidgenössische Akademia jeden Oktober auf positive Nachrichten aus Stockholm. Der Spielverlauf erinnert an die Schweizer Fussballnationalmannschaft, die zwar überlegt angreift, aber letztendlich keine Tore zu schiessen vermag. Eine leidliche Abschlussschwäche! Ausserdem bläst der Forschung hierzulande ein kühlerer Wind entgegen, weil aufgrund der innenpolitischen Situation ein Ausschluss aus den EU-Forschungsprojekten droht (Stichwort Horizon 2020). Viele namhafte Wissenschaftler, zahlreiche talentierte Forscherinnen liebäugeln (im Stillen, pssst!) mit dem Wegzug.

Transferliste mit wenig klingenden Namen
Braindrain hier, Legdrain dort. Auch etliche Schweizer Fussballer wandern weg bzw. weiter. Mit Abstand der teuerste Söldner ist Granit Xhaka (23), der neu für Arsenal spielen wird (Ablösesumme 47 Mio. Euro, Schweizer Rekord). Auf der Transferliste der Wissenschaft stehen weniger klingende Namen, niemand (ausser Eingeweihte) kennt die Gesichter - mit einigen Ausnahmen. Beispielsweise Patrick Aebischer, der Ende 2016 nach 16 stürmischen Jahren als Präsident der EPF Lausanne zurücktritt, ein überaus omnipräsenter Angreifer. Oder Thomas Stocker, Professor für Klima- und Umweltphysik der Universität Bern und vehementer Verteidiger des Zwei-Grad-Ziels, der es im Oktober 2015 nicht an die Spitze des UN-Weltklimarats (IPCC) geschafft hat und nun möglicherweise offen für Neues ist. Im Weiteren Felicitas Pauss, Physikprofessorin der ETH Zürich und langjährige CERN-Spitzenmanagerin (internationale Beziehungen), die Anfang August emeritiert wird. Sie könnte ihre vermittelnden Fähigkeiten in einem neuen Team einsetzen.

Obwohl die akademische Welt als geschlossener Zirkel gilt (Pfiffe zu hören!), dringen wiederholt Gerüchte (ohne Gewähr) an die Öffentlichkeit. So wird der selbstbewusste Mediziner und Hirnforscher Aebischer nächstes Jahr an einer Polarexpedition teilnehmen, wie er in einem dreiseitigen Interview mitteilt (Horizonte Nr. 109). Dort könnte er sich nach stressreicher Karriere im "ewigen Eis" selbst erforschen, was sicher Stoff für eine einträgliche Autobiografie ergäbe. Der nicht minder ehrgeizige Klimaforscher Stocker würde bestimmt eine grosszügige Offerte von Chinas bester Universität annehmen, um somit quasi an der Mega-Quelle des globalen Treibhausgas-Ausstosses wirken zu können. Schliesslich sei auch Pauss mit einem spannenden Angebot beglückt worden, kolportieren Insider. Die Teilchenphysikerin könnte an der noch jungen Synchrotron-Lichtquelle in Jordanien namens SESAME den bereits lange amtierenden Direktor ablösen. Der ringförmige Teilchenbeschleuniger erzeugt hochintensives Röntgenlicht und werde einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung im Nahen Osten liefern, so die Werbung. Der Direktorinnen-Job in der arabischen Welt wird für eine Frau zwar heikel sein, doch vermutlich ultrahoch dotiert, sitzt doch auch das reiche Königreich Bahrain im Rat der SESAME-Mitgliedsländer.

Wie die drei Beispiele zeigen, kann sich die Schatzkammer manchmal auch für die Wissenschaft öffnen. Doch selbst mit der Zauberformel "Sesam" aus "Tausendundeiner Nacht" wird der Fussball punkto Gagen und Beliebtheit weiterhin das Spiel dominieren. Er kann dabei auf gebündelte Emotionen und unvergleichlichen Zauber zählen. Der universitäre Geist tut sich damit schwer. Vor allem gegen goldene Füsse.

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WESTLICHER WISSENSCHAFTSJOURNALISMUS TRÄGT BEI ZU GLOBALER UNGLEICHHEIT
Wenn die Medien im globalen Süden über Wissenschaft berichten, übernehmen sie ungefiltert Meldungen zur Spitzenforschung der westlichen Welt. Solche Resultate aus teuersten Labors prägen in armen Ländern das Bild des wissenschaftlichen Fortschritts und auch die dortige Hochschulpolitik. Die lokalen Universitäten jagen westlichen Standards nach, die sie aus Mangel an Geld und qualifiziertem Lehrpersonal nie erfüllen können. Die Elite des Landes will sich aber mit "wissenschaftlicher Exzellenz" profilieren, was wie beispielsweise in Namibia scheitert: Die Studiengänge entsprechen nicht den lokalen Bedürfnissen, die meisten Absolventen finden keine adäquate Stelle, die besten Köpfe wandern ab ins Ausland.
   Fazit: Die westliche Wissenschaftskommunikation (Journalismus und PR) zementiert auf der Südhalbkugel den tiefen Graben zwischen Arm und Reich und erhöht damit das Migrationsrisiko. Eine Lösung zeigt Namibias Nachbarland Botswana, das Lehre und Forschung im indigenen (einheimischen) Wissen stark fördert, worüber auch bei uns unbedingt berichtet werden sollte. Angezeigt ist daher die Ausbildung von Wissenschaftsjournalisten im globalen Süden (v.a. Schwarzafrika). Die These wird mit vielen Beispielen aus persönlichen Erfahrungen als Wissenschaftskommunikator an Forschungsinstitutionen im südlichen Afrika illustriert. (Referat an der ScienceComm'16 am 23.09.2016)

ScienceComm'16_PP_Beat_Gerber_23-09-16.pdf

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SCHWEIZER START-UPS IN DER POLEPOSITION
Mai 2016. -
Innovation gilt als Schlüsselfaktor der Wirtschaftsentwicklung. Doch was bedeutet dieses Zauberwort konkret? Ein Blick in die Schweizer Innovationsszene offenbart ein buntes Bild. Zehn herausragende Jungfirmen veranschaulichen mit ihren Produkten diese Vielfalt.

Artikel in "Die Volkswirtschaft" des Seco und im News-Magazin des SBFI:

Die Volkswirtschaft_CH-Start-ups_BGerber_Mai2016.pdf

"CARACAS IST ÜBERALL"
12.10.2015 -
Zwei unkonventionelle Architekturprofessoren der ETH Zürich erforschen die Armenviertel der Welt und finden in diesen "informellen" Siedlungen kreative Kräfte. Auch in der Schweiz brauche es mehr solche Stadtlabors, in denen man an der Zukunft bauen könne, sagen Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner vom ETH-Institut "Urban Think Tank".
Artikel im Tages-Anzeiger (Wissen):

TA_SlumDesign_BGerber_12-10-2015.pdf

NEUER WEIN FÜR VERSTAND UND SINNE
01.10.2015 - Wissenschaftler der Forschungsinstitution Agroscope züchten widerstandsfähige Rebsorten, die einen geringeren Pestizideinsatz benötigen, sich aber trotzdem zu gehaltvollem Wein vergären lassen. Ein erfolgreicher Spagat des helvetischen Weinbaus. Die Schweizer Weinforschung findet denn auch im Ausland grosse Beachtung.
Seite im Tages-Anzeiger (Wissen):

TA_NeueRebsorten_BGerber_01-10-2015.pdf

WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION, EIN SANIERUNGSFALL !
Es braucht andere Formen, Kanäle und Ansprechgruppen
(Referat an der ScienceComm'15 in Solothurn)


24.09.2015 -
Die Wissenschaft muss ihre Rolle überdenken. Die Forschenden sind zunehmend verpflichtet, bei der Umsetzung ihrer Resultate aktiv dabei zu sein. Nur wenn sie am Tisch der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft mitmischen, wird die Welt im Sinne der Aufklärung fortschreiten. Der Grund: Die meisten wollen es nicht wahrhaben, doch die Wissenschaft hat bei den globalen Herausforderungen bisher versagt. Der Forschergemeinschaft ist es nicht gelungen, für virulente Problemkreise wie Energie, Klima und Ernährung umsetzbare Lösungen in die Gesellschaft zu tragen. Das vom Steuerzahler in die Forschung investierte Geld bringt hier folglich keinen gebührenden sozialen Nutzen.
   Dieser Paradigmenwechsel hin zum «Einmischen» wird im Ausland heftig diskutiert und ist zwingend von der Wissenschaftskommunikation zu begleiten. Die Öffentlichkeitsarbeit der Hochschulen wie auch der Wissenschaftsjournalismus sollten sich von zusammenhangslosen Informationen über Einzelresultate zu einer themenzentrierten Orientierung der Gesellschaft entwickeln, welche die teils widersprüchlichen Erkenntnisse aus der Wissenschaft weitaus besser einordnet. Auch sind die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft wesentlich intensiver zu bedienen, um das Terrain für Lösungsansätze zu ebnen. Eine solche Perspektive eröffnet in der Wissenschaftskommunikation neue Dialogformen und Einsatzfelder, beispielsweise Themenkampagnen, Scientainment, Politikberatung und Impact Journalism.
Präsentation mit Beispielen:

ScienceComm'15_PP_Beat_Gerber_24-09-2015.pdf

DIE ZUKUNFT WIRD SO NICHT SAUBER
Grosses Tamtam um Start zur Weltumrundung von Solar Impulse 2


11.03.2015 -
Die Weltumrundung mit einem Solarflugzeug fasziniert, die Leistung von Bertrand Piccard und seinem Team beeindruckt. Aber die Auswirkungen solch spektakulärer Pioniertaten auf die Umsetzung wissenschaftlich-technologischer Erkenntnisse werden überschätzt. Ein Jumbo wird aufgrund seines enormen Energiebedarfs nie mit Solarzellen fliegen können. Zudem gilt die Schweiz hinsichtlich Solarstrom nicht gerade als Vorzeigeland, erzeugt sie doch nur ein halbes Prozent ihres Elektrizitätsverbrauchs mit Sonne. Auch von der ersten Mondlandung 1969 ist nicht viel Brauchbares übriggeblieben, ebenso hat der gigantische LHC-Beschleuniger im CERN uns bisher konkret bloss den Nachweis des Higgs-Teilchens beschert.
   Stets behauptet die Wissenschaftsgemeinschaft, solch milliardenteure Projekte würden der Menschheit dienen, zu wissenschaftlichen Durchbrüchen führen, die Wirtschaft beflügeln. Das sind Beteuerungen ohne Beweise. Und die Medien beten diese PR-Parolen kritiklos nach. Dabei geht es vor allem darum, die stattlichen Forschungsgelder zu rechtfertigen. „Big Science“ ist überaus kostspielig, doch wichtige Fortschritte in der Forschung lassen sich auch ohne Riesenmaschinen und Megaprojekte erzielen. Bis jetzt fehlt der Gegenbeweis.
   Um die grossen Herausforderungen wie Energie, Klima und Ernährung zu meistern, braucht die Wissenschaft ein neues Rollenverständnis. Sauber wird die Zukunft erst, wenn Forschende ihre akademische Komfortzone verlassen und bei der Umsetzung ihrer Resultate mitreden. Nur wenn sie am Tisch der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft aktiv mitmischen, wird sich künftig die Welt im Sinne der Aufklärung weiterentwickeln. Der Weg dorthin ist mühsam, unbequem und weit weniger sexy als die Weltreise von Solar Impulse 2. (Leserbrief im Tages-Anzeiger)